Donnerstag, 29. Juni 2017 von Daniel Seeburger

Jäger und Sammler

Dass wir Menschen in früherer Zeit Jäger und Sammler waren, bevor der Ackerbau vor Tausenden von Jahren unser unstetes Leben beendet hat, ist wissenschaftlich nachgewiesen. Dass ein Teil unserer Gene noch aus prähistorischer Vergangenheit kommt, habe ich geahnt. Meine beiden Jungs sind in Sachen Panini auf der Pirsch. Vor allem mein Siebenjähriger ist vom Panini-Virus infiziert. In der Schule finden dann regelrechte Tauschbörsen statt. Ich weiß zwischenzeitlich, dass der legendäre italienische Torwart Gianluigi Buffon sowohl als „Team-Mate“, als auch als „Expert“ oder „Fan-Favorite“ auf dem Markt ist. Wobei die „Experts“ seltener sind und dem Wert von etwa drei „Team-Mates“ entsprechen. Jetzt hat sich mein Sohn auf Algerien und Finnland spezialisiert und so sind Teemu Pukki, Përparim Hetemaj (nein, ich weiß nicht, wie man das ausspricht) und Nabil Bentaleb präsent am Frühstückstisch. Neulich durfte er das U-21-Fußballspiel der Deutschen gegen Italien anschauen. Verblüfft hat mich bereits, dass er fast jeden deutschen Spieler kannte. Dass er mir allerdings die meisten italienischen Nachwuchsspieler mittels Rückennummer runterbeten konnte, machte mich doch sprachlos. Als ich ihm dann die taktischen Finessen des 4-4-2-Systems erklären wollte, hat er nur müde gelächelt.

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Freitag, 26. Mai 2017 von Daniel Seeburger

35 Jahre sind (k)ein Klecks

Vatertag ist nicht so mein Ding. Ich wandere zwar gerne, am liebsten aber alleine oder mit der Familie. Ich gönne jedem die Lust am kollektiven Hocketenhopping, ich jedoch schiebe an diesem Tag lieber Dienst – um dann genau jene Festle zwecks Berichterstattung mit dem Auto zu besuchen. Letzte Station gestern war Geislingen. Ich schaute durch den Sucher der Kamera, da sprach mich jemand von hinten an: „Kennschd me nemme?“ Ich schaute dem Unbekannten ins Gesicht, lächelte und beschloss, ehrlich zu sein: „Äääääh, nö!“ Er stellte sich als mein langjähriger Schulfreund aus Jugendtagen vor. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Die Freude war groß, wir schwelgten in Schulerinnerungen und ließen in zehn Minuten unser ganzes Leben an uns vorüberziehen. Ich wünschte mir plötzlich, ich wäre als Vatertagswanderer unterwegs und wir könnten beim Bier noch stundenlang palavern. Wir verabredeten uns. Er werde mal vorbeischauen, versprach mein Schulkamerad, irgendwann einmal. Nun hoffe ich, dass es bis zu unserem nächsten Wiedersehen nicht wieder 35 Jahre geht. Das Leben, so habe ich gestern festgestellt, ist schnell und kurz. Und die Zeit fliegt.

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Donnerstag, 11. Mai 2017 von Daniel Seeburger

Ein Gläschen Glyphosat

Für die industrialisierte Massentierhaltung in Deutschland reichen die landwirtschaftlichen Anbauflächen im eigenen Land nicht mehr aus. Deshalb importiert man vor allem Gensoja oder Genmais aus Südamerika. Dort wird deswegen immer mehr Regenwald gerodet. Auf einer Fläche in der Größe von Mecklenburg-Vorpommern wird allein Futtermittel für Deutschland angebaut. Damit die Erträge hoch bleiben, wird flächendeckend Unkraut mit Glyphosat bekämpft. Und das auch in Deutschland. Auf 40 Prozent unserer Ackerflächen kommt das von der WHO als wahrscheinlich krebserregende eingestufte Glyphosat zum Einsatz. Glyphosat sei total ungiftig, meinte dagegen kürzlich Monsanto-Lobbyist Patrick Moore in einem Interview mit dem französischen Fernsehsender Canal+. Man könne das Glyphosat Roundup sogar trinken. Der schlagfertige Interviewer bot ihm daraufhin ein Gläschen mit dem Pestizid an. Moore lehnte mehrmals dankend ab und unterbrach wütend die Befragung. Doch das Lachen bleibt einem im Hals stecken. Denn Rückstände von Glyphosat können in Getreide und Fleisch nachgewiesen werden. Soll heißen: Was Moore verweigert, machen wir täglich: Glyphosat essen.

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Dienstag, 11. April 2017 von Daniel Seeburger

Verblüffte Trumpfans

Nein, ich finde den Raketenangriff auf den syrischen Flughafen keineswegs klug. Was US-Präsident Trump da angerichtet hat, verschärft die Lage im Nahen Osten nur noch mehr. Man beendet Kriege mit mehreren Akteuren nicht, indem man sich ins Getümmel wirft, draufschlägt und Rache nimmt für einen Giftgasangriff, dessen Urheberschaft noch nicht einmal sicher geklärt ist. Interessant finde ich auch einen anderen Aspekt dieses Angriffs. Trump-fans, die nach der US-Wahl eine sich anbahnende Koalition zwischen dem amerikanischen Präsidenten und seinem russischen Kollegen zuerst herbeigesehnt und dann bejubelt haben, wurden durch das Bombardement mehr getroffen, als das syrische Regime selbst. Russlands Präsident wird sich jetzt wohl einen neuen Buddy suchen müssen. Es ist irgendwie tröstlich und erschreckend zugleich, dass ich mich in Trump getäuscht habe. Wenigstens das haben Putin und ich gemeinsam.

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Freitag, 7. April 2017 von Daniel Seeburger

Berliner Tor im Dunkeln

Terroranschläge sind schlimm, brutal und unmenschlich. Getroffen werden Menschen in ihrem Alltag, das Grauen, der Schmerz, der Tod bricht in ihr Leben. Durch das Mitgefühl mit den Opfern sprechen wir einerseits den Angehörigen unsere Solidarität aus, andererseits versuchen wir so, das Geschehene in unser eigenes Leben einzuordnen. In den vergangenen Monaten wurde bei Terroranschlägen immer mal wieder das Brandenburger Tor in den Farben des von der Gewalt heimgesuchten Landes angestrahlt. Ich fand diese Idee nie besonders gut.Denn tagtäglich sterben Menschen in der ganzen Welt durch Terror und Krieg – gerade auch durch deutsche oder europäische Waffen. Beim jüngsten Giftgasangriff im syrischen Idlib gab es 72 Tote, darunter Dutzende Kinder. Da man das Brandenburger Tor kaum im täglichen Wechsel in den Farben Syriens, Afghanistans, des Iraks, Jemens oder des Südsudans anstrahlen kann, schlage ich vor, es bei Nacht in Dunkel zu hüllen. Solange auf dieser Welt Kinder in Kriegen sterben oder tausendfach verhungern, wäre das meiner Ansicht nach eine angemessene Form der staatlichen Trauerbekundung.

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