Freitag, 18. November 2016 von Daniel Seeburger

Fakes statt Fakten

Einem unserer Leser ist es heute ähnlich ergangen wie vielen WhatsApp-Nutzern auch. Er bekam eine wirre Nachricht, in der zur Vorsicht gemahnt wird.

Es fänden sich immer wieder Briefumschläge mit CD, auf denen Texte und Lieder aus dem Koran seien, in Briefkästen. An der CD hafte eine chemische Substanz, die die Atemwege lähmen würde. Man solle im Fall der Fälle sofort die Polizei informieren. Betroffene seien schon im Krankenhaus.

Diese Nachricht ist ein Fake, ein Schwindel, eine Vortäuschung falscher Tatsachen und wird kettenbriefartig weiterverbreitet. Es ist einmal mehr bloße Panikmache, mit der Menschen verunsichert werden sollen. Die Polizei Mannheim rät dann auch dringend davon ab, solche Nachrichten in den sozialen Medien weiterzuverbreiten. 

Diese Falschmeldung ist zudem ein Paradebeispiel einer sogenannten postfaktischen Realität. Man ist nicht an der Wahrheit interessiert, sondern baut sich eine eigene Wahrheit jenseits der Tatsachen. Dabei gibt es auch die ungeschminkte, echte Wahrheit.

Ein Beispiel: Ein unangenehmer Zeitgenosse verunstaltete in den vergangenen Monaten immer wieder mein Auto mit Aufklebern eines rechtsradikalen und islamfeindlichen Blogs. Neulich klebte einer dieser Bäpper sogar an meinem Briefkasten. Das ist ein Fakt, kein Fake.

 

 

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Donnerstag, 17. November 2016 von Daniel Seeburger

Hühner lachen nicht mehr

Nein, Rassehühner sind das nicht, die bei mir im Garten gackern. Aber es ist ein munterer Haufen. Fürs tägliche Ei verlangen sie vor allem Freiheit. Sie suchen sich Würmer, Käfer, Fliegen selbst – und vertilgen meine Himbeeren und Brombeeren. Unter meinem Apfelbaum verputzen sie die Larven des Apfelwicklers und sorgen für wurmfreie Äpfel. Dazu gibt's Körnerfutter aus ökologischem Anbau. Im Stall sind meine Hühner nur nachts. Wegen der Vogelgrippe müssen die Tiere möglicherweise für einige Wochen in einen vergrößerten Stall umziehen. Gegen diese Maßnahme kann man nichts haben. Ein Zuckerschlecken wird's trotzdem nicht. Denn meine Hennen sind Regen gewöhnt, Schnee, Sonne und Wind. Sie gehen womöglich dorthin, wo ihre bedauernswerten Artgenossen aus der Bodenhaltung schon lange sind: in hermetisch abgeriegelte, enge Ställe. Bei der Freilandhaltung können die Hühner draußen scharren, bei der Bodenhaltung leben sie eingepfercht unter Kunstlicht. Nach dem Gesetz dürfen in der Bodenhaltung neun Tiere pro Quadratmeter gehalten werden. Laut NABU steht auch diese isolierte Massentierhaltung im Verdacht, Ursprung des Virus zu sein. Denn eine Übertragung von Wildvögel auf Hausgeflügel habe noch nie zweifelsfrei nachgewiesen werden können. Einmal mehr zeigt sich die Problematik der Massentierhaltung. Mit der Stallpflicht werden diejenigen bestraft, die alles richtig machen. Da lachen meine Hühner nicht mehr.

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Donnerstag, 20. Oktober 2016 von Daniel Seeburger

Moderner Troubadour

Dass Bob Dylan den Literaturnobelpreis bekommen soll, stößt auf Kritik und Lob. Ich freue mich über diese Auszeichnung, denn ich liebe nicht nur die Musik Dylans, sondern auch seine Texte, seine Poesie, seine Metaphern. Und ich mag die spröde Art des Künstlers. Ich verstehe, dass er bisher nichts zum Nobelpreis gesagt hat. Denn sein Werk spricht für ihn, alles andere ist unwichtig. Einige Fans sind deswegen genervt. In Anspielung auf Dylans wohl größten Hit „Blowing in the wind“ meinte da bei Facebook eine Dame: „How many calls must one man get, before he can answer the phone“.

Weshalb Dylans „Desolation Row“ weniger aussagen soll als die Gedichte von Tomas Tranströmer, der 2011 den Preis erhalten hat, muss man mir erst einmal erklären, ist Dylan doch just in diesem Song ein Meister der Metapher. Er schlägt da einen Bogen von der Bibel über Shakespeare bis zu Albert Einstein, der sich als Robin Hood verkleidet hat. Oder „My back pages“, in dem Dylan verkündet, dass er heute doch so viel jünger sei als gestern. Wer Dylan den Literaturnobelpreis neidet, weil er eben nicht nur dichtet, sondern auch singt, verkennt, dass gerade das Lied im Mittelalter unverzichtbarer Begleiter der Lyrik gewesen war. Dylan ist ein moderner Troubadour, der seit 1988 jährlich rund 100 Konzerte weltweit spielt. Zum Beispiel auch in Balingen im Juli 1994. Er kam, sagte kurz Hallo, griff zur Gitarre, spielte sein Programm, ging wieder. Und ließ ein mehr verstörtes als begeistertes Publikum zurück. Ich fand's klasse!

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Freitag, 30. September 2016 von Daniel Seeburger

Joggender Bach

Manchmal jogge ich locker und leicht, manchmal komme ich daher wie ein Nilpferd in der Wüste Gobi. Damit es rund läuft, bin ich immer auf der Suche nach der richtigen Musik aus dem Smartphone-Kopfhörer. Mit Musik zu joggen finden die Naturpuristen unmöglich, für sie ist der Gesang der Vögel die schönste Begleitmelodie. Ich allerdings versenke mich beim Joggen in die Musik – ein Luxus, der mir im Alltag fehlt. Den richtigen Sound habe ich erst kürzlich gefunden. Nachdem ich bei den Hardrockern von Metallica nach spätestens zwei Kilometern völlig außer Puste bin, sind Simon and Garfunkels Folkhits ungeeignet, weil ich permanent dabei bin mitzusingen. Bei den Volksmusikbarden von Voxxclub muss ich immer der Versuchung widerstehen, mir beim Laufen auf die Schenkel zu klopfen und John Coltranes vertrackte 7/8-Jazzrhythmen schaffen es lediglich, dass meine Beine partout nicht mehr das machen wollen, was das Gehirn fordert. Soll heißen, ich stolpere durch die Gegend. Neulich versuchte ich es mit Johann Sebastian Bachs Goldberg-Variationen in einer 74 Jahre alten, rauschenden, knisternden, aber überaus gehaltvollen Interpretation des chilenischen Pianisten Claudio Arrau. Und siehe da, das weit über 250 Jahre alte Werk versetzte mich in eine innere Ruhe und kurbelte gleichzeitig meinen Kreislauf an. Es lief quasi von alleine. Nach einer knappen Stunde war ich rund zwei Minuten schneller als bei den Läufen zuvor und völlig relaxed. Ob Bach wohl Jogger war?

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Donnerstag, 15. September 2016 von Daniel Seeburger

Mein Leben als Ölsardine

Als ich von den Massen von Touristen auf Mallorca und den damit verbundenen ökologischen Problemen gelesen habe, ist es mir schon etwas mulmig geworden. Vor allem deshalb, weil ich vor einigen Wochen den Versuch gemacht habe, mein Badetuch an dem als „atemberaubend“ und „traumhaft“ gepriesenen Strand von Viareggio in der Nordtoskana zu legen. Sofort war ein muskulöser Herr zur Stelle, der mich an der Schulter packte und übel beschimpfte. Obwohl mein Italienisch nicht das allerbeste ist, verstand ich, was der Muskelprotz wollte. Ich solle mich vom Acker machen, und zwar subito, denn das sei ein Privatstrand. Der mehrere hundert Meter weit entfernte, direkt an drei großen Werften gelegene öffentliche Strand hatte dann ungefähr die doppelte Breite meines Handtuchs. Die Sonnencreme konnte man sich sparen, denn die bekam man zur Genüge ab, wenn sich der Nachbar umdrehte. So müssen sich Ölsardinen fühlen, dachte ich. Mir war der Appetit nach Badeurlaub am Mittelmeer endgültig vergangen. Wieder zu Hause, ging es mit der Familie ins Strandbad nach Nussdorf an den Bodensee. Angenehm warmes Wasser, schattenspendende Bäume, freundliches Personal, nette Badegäste, eine große Liegewiese. Dazu ein kleines Restaurant mit Kiosk, an dem es Pommes für die Kinder und Cappuccino für Mama und Papa gab. Und als mir Kollege Würz dann noch vom Ausflugsdampfer aus zuwinkte, war die Sommeridylle perfekt. Der Strandbadbesuch war so schön, dass er einige Tage später wiederholt wurde. Fazit: Das Schwäbische Meer ist zwar etwas kleiner als das Mittelmeer – aber um einen schönen Badeurlaub zu verbringen, muss man sich nicht unbedingt an die Strände von Viareggio oder El Arenal quetschen.

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