Mittwoch, 10. August 2016 von Daniel Seeburger

Olympia? Nein, danke!

Was wir gerade rund um die Uhr im Fernsehen serviert bekommen, lässt mich absolut kalt. Die Zeiten, in denen mich die Olympischen Spiele interessiert haben, sind schon lange vorbei. Der olympische Gedanke ist kaputt, zerstört, der Lächerlichkeit preisgegeben. Von einem Treffen der internationalen Jugend träumte 1896 Baron de Coubertin, als er die Olympischen Spiele der Neuzeit begründete. Die Sportler sollten sich gegenseitig messen, das Treffen der Völkerverständigung dienen. Aus den Spielen ist ein hochdotierter Medienrummel geworden. Nicht die Tatsache ist schäbig, dass Sponsorengelder fließen, das geschieht bei jedem Fußballspektakel auch. Schlimm ist es, dass man vordergründig immer noch heuchelt, die hehren olympischen Ideale zu vertreten, während das „System Olympia“ schon lange bis ins Mark verrottet ist. Das Internationale Olympische Komitee verdient ausgesprochen gut und ist mit hochkorrupten Kadern verseucht. Die propagierte Völkerverständigung interpretieren einige Staaten dahingehend, ihre Athleten zu wahren Muskelmonstern hochzudopen, um eine Überlegenheit gegenüber anderen Ländern zu demonstrieren. Konsequenzen haben diese peinlichen staatlichen Machtspielchen auf dem Rücken von Sportlern selten. Bestes Beispiel dafür ist die russische Schwimmerin Julija Jerfimowa, die, des Dopings überführt, eigentlich hätte nicht starten dürfen. Sie klagte sich die Starterlaubnis ein und holte über 100 Meter Brust Silber. Ausgebuht vom Publikum und geschnitten von der Konkurrenz, brach die Dopingsünderin, nachdem sie tagelang die lächelnde Unschuld gegeben hatte, nach dem Wettkampf in Tränen aus. Immerhin! Nein, diese Spiele brauche ich wirklich nicht.

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Donnerstag, 4. August 2016 von Daniel Seeburger

Die Elster

Neulich frühstückte ich gemütlich mit meiner Frau auf dem Balkon. Wir redeten über den alten Kirschbaum am Rande des Gartens. Ein Bekannter hatte uns empfohlen, ihn stark zu beschneiden, um in Zukunft wieder mehr Kirschen ernten zu können. Im Baum haben Elstern ein Nest gebaut. Wahrscheinlich siedelten die schwarz-weißen Vögel dort schon lange Zeit bevor wir unser Haus gebaut haben. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass es jemals einen lauen Sommerabend oder ein Sonntagmorgenfrühstück auf dem Balkon gegeben hat, ohne dass die gefiederten Gesellen ihre krächzenden Kommentare dazu abgegeben hätten. Das Nest würde bei einem Baumschnitt verschwinden. „Ach komm“, sagte ich zu meiner Frau, „sollen wir den Baum nicht einfach so lassen wie er ist, die Elstern waren schon lange vor uns da?“ Wir waren schnell einer Meinung. Was dann passierte, hätte ich nicht geglaubt, wenn ich es nicht selbst erlebt hätte. Eine der überaus scheuen Elstern, die wir sonst nur aus der Ferne sehen, flatterte aufs Balkongeländer, gerade mal zwei Meter vom Frühstückstisch entfernt. Sie schaute uns an, drehte sich einmal um sich selbst und flog wieder weg.

Nein, mit den Augen gezwinkert hat sie nicht.

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Samstag, 23. Juli 2016 von Daniel Seeburger

Immer weiter geradeaus

Ich war neulich wirklich gerührt, als mein sechsjähriger Sohn aus dem Kindergarten verabschiedet worden ist. Drei Jahre lang ging er mit Feuereifer zu seinen kleinen Freunden, mit denen er zusammen spielte, bastelte, sang, Geschichten hörte, Projekte mitgestaltete – und sehr viel lernte für sein späteres Leben. Betreut wurde er von einem engagierten Team, das sich mit Tatkraft und viel Herzblut für die Kinder eingesetzt hat. Ich habe festgestellt, dass in unserer Gesellschaft gerade diese Arbeit viel zu wenig geschätzt wird. Kindergärten sind eben keine bloßen Aufbewahrungseinrichtungen für Kinder wie noch vor 50 Jahren. In den Kindergärten und Kitas findet echte Erziehungsarbeit statt, hinter der sehr viel Aufwand und Fachwissen steckt. Mein Junior hat sich in den vergangenen drei Jahren von einem kleinen, etwas schüchternen Knuffel zu einem neugierigen, forschen und selbstbewussten Jungen entwickelt, der bereit ist für die Grundschule. Bei der Abschiedsgrillparty bekamen die Eltern eine CD mit Bildern aus den vergangenen drei Jahren, untermalt mit Musik. Da ist dann auch Nenas Hit „Wunder geschehn“ zu hören, mit der Textzeile: „Immer weiter, immer weiter geradeaus, nicht verzweifeln, denn da holt dich niemand raus, komm steh' selber wieder auf.“ Da wird in wenigen Zeilen das wohl wichtigste Erziehungskonzept überhaupt erklärt: der Mut zur Selbstständigkeit. Nur wer nach vorne blickt, kommt auch voran. Jeder Schritt ins Morgen bedeutet ein Abschied vom Gestern. Das Vergangene allerdings wird nie vergehen. Wir werden geprägt von unseren Erinnerungen.

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Dienstag, 19. Juli 2016 von Daniel Seeburger

Wahrheit hinter der Wahrheit

Manchmal muss man zweimal hinschauen, um die Wahrheit hinter der Nachricht erkennen zu können. Spiegel Online (Spon) hatte in der vergangenen Woche eine interaktive Karte ins Netz gestellt, auf der man auf den ersten Blick erkennen konnte, welcher Arzt wie viel Geld von der Pharmaindustrie erhalten hatte. Erst auf den zweiten Blick wurde mir klar, dass es so einfach nicht ist. Denn kein Mediziner kann verpflichtet werden, diese Daten offenzulegen. Die Realität sieht so aus: Über 70 000 Ärzte haben 2015 Geld von Pharmaunternehmen erhalten. Aber lediglich 20 000 Ärzte legten diese Einnahmen auch offen. Das führt zu einem total schiefen Bild. Denn denjenigen Medizinern, die diese Einkünfte transparent machen, stehen Ärzte gegenüber, die ihre Zusatzeinkünfte nicht veröffentlichen. Und dann gibt es noch jene Ärzte, die überhaupt nichts von der Pharmaindustrie bekommen haben. Also auch nichts transparent machen müssen. Diese tauchen in der Statistik gar nicht auf, befürchten aber, jetzt mit eben jenen in einen Topf geworfen zu werden, die nicht angeben, wie viel sie von der Pharmaindustrie erhalten haben. Letztlich verwirrt die interaktive Karte von Spon. Denn sie nennt nur jene, die ihre Einnahmen transparent machen. Und auch der Transparenzkodex ist Quatsch, solange er nicht verbindlich ist für jeden Arzt. Denn es geht um eine Menge Geld. 2015 waren es rund 575 Millionen Euro, die die Pharmaindustrie bundesweit an Ärzte und medizinische Einrichtungen überwiesen hat.

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Samstag, 9. Juli 2016 von Daniel Seeburger

Frankreich oder Portugal

Wir waren besser. Eindeutig. Und trotzdem hat unsere Mannschaft das Finale verpasst. Jogis Jungs waren überlegen, hatten die größeren Chancen und viel mehr Gewicht im Mittelfeld. Allein die Tore fehlten. Und darauf kommt es halt an beim Fußball. Gäbe es zusätzliche Punkte für Ballbesitz und Torchancen würde morgen wahrscheinlich „La Mannschaft“ gegen die Portugiesen antreten. Eben gegen jene Portugiesen, die nach den bisherigen EM-Spielen auch nicht gerade als endspielwürdig angesehen werden können. Aber beim Fußball ist es manchmal wie im richtigen Leben. Man ackert sich krumm, schuftet und schafft – und Lorbeeren heimsen andere ein. Trotzdem, ich gönne den Franzosen das Endspiel im eigenen Land. Obwohl wir draußen sind, werden wir noch lange an diese EM denken. An Boatengs akrobatisches Handspiel, an Hectors entscheidenden Elfer im Nervenspiel gegen Italien, an Höwedes' Wundergrätsche, an die Isländer Fans und ihre nicht weniger grandiose Mannschaft, an den doppelten Brexit der Engländer und die Mannschaft der Herzen aus Wales. Klar, ein Endspiel mit deutscher Beteiligung am Sonntag wäre natürlich grandios gewesen wäre, dennoch hat die tatsächliche Endspielkonstellation gewisse Vorteile. Man kann ohne Stress, ohne Herzrasen, ohne Schweißausbrüche und spätere Heiserkeit das Endspiel genießen. Ganz entspannt. So entspannt, wie die kommenden Tage wieder sein werden. Keine Fachgespräche mehr mit der Kollegin am gegenüberliegenden Arbeitsplatz über die Geheimnisse der isländischen Nachnamensgebung, keine Diskussionen mehr mit meinen Söhnen über die richtige Platzierung der Deutschlandfahne an der Hausfassade und kein Eremitendasein mehr vor der Glotze bis tief in die Nacht, weil das Interesse meiner Frau am Fußball eher rudimentär ist. Ich werde morgen ganz locker vor dem Bildschirm sitzen und natürlich Frankreich anfeuern. Oder Portugal.

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