Samstag, 9. Juli 2016 von Daniel Seeburger

Frankreich oder Portugal

Wir waren besser. Eindeutig. Und trotzdem hat unsere Mannschaft das Finale verpasst. Jogis Jungs waren überlegen, hatten die größeren Chancen und viel mehr Gewicht im Mittelfeld. Allein die Tore fehlten. Und darauf kommt es halt an beim Fußball. Gäbe es zusätzliche Punkte für Ballbesitz und Torchancen würde morgen wahrscheinlich „La Mannschaft“ gegen die Portugiesen antreten. Eben gegen jene Portugiesen, die nach den bisherigen EM-Spielen auch nicht gerade als endspielwürdig angesehen werden können. Aber beim Fußball ist es manchmal wie im richtigen Leben. Man ackert sich krumm, schuftet und schafft – und Lorbeeren heimsen andere ein. Trotzdem, ich gönne den Franzosen das Endspiel im eigenen Land. Obwohl wir draußen sind, werden wir noch lange an diese EM denken. An Boatengs akrobatisches Handspiel, an Hectors entscheidenden Elfer im Nervenspiel gegen Italien, an Höwedes' Wundergrätsche, an die Isländer Fans und ihre nicht weniger grandiose Mannschaft, an den doppelten Brexit der Engländer und die Mannschaft der Herzen aus Wales. Klar, ein Endspiel mit deutscher Beteiligung am Sonntag wäre natürlich grandios gewesen wäre, dennoch hat die tatsächliche Endspielkonstellation gewisse Vorteile. Man kann ohne Stress, ohne Herzrasen, ohne Schweißausbrüche und spätere Heiserkeit das Endspiel genießen. Ganz entspannt. So entspannt, wie die kommenden Tage wieder sein werden. Keine Fachgespräche mehr mit der Kollegin am gegenüberliegenden Arbeitsplatz über die Geheimnisse der isländischen Nachnamensgebung, keine Diskussionen mehr mit meinen Söhnen über die richtige Platzierung der Deutschlandfahne an der Hausfassade und kein Eremitendasein mehr vor der Glotze bis tief in die Nacht, weil das Interesse meiner Frau am Fußball eher rudimentär ist. Ich werde morgen ganz locker vor dem Bildschirm sitzen und natürlich Frankreich anfeuern. Oder Portugal.

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Dienstag, 5. Juli 2016 von Daniel Seeburger

Schlangen auf der Mainau

Einerseits ist es nervig, sich auf der Insel Mainau eine halbe Stunde in eine Schlange stellen zu müssen, um ein Eintrittsticket zu bekommen, andererseits ist es interessant. Denn man erkennt relativ schnell, wie die Leute ticken. Da sind Familienväter, denen meist noch ein quengelnder Junior auf den Schultern sitzt. Schicksalsergeben trotten sie Zentimeter um Zentimeter dem Ziel entgegen. Dramatisch wird's, wenn der Kleine kurz vor dem Ticketschalter dringend Pipi muss und die Mama im Blumenladen verschollen ist. Dann sind da die drei jungen Pärchen, deren männliche Parts ihren Damen nochmals haarklein das Elfmeterschießen von Bordeaux erläutern, bis Boateng (so steht es jedenfalls auf seinem Shirt) die Diskussion in Richtung Getränkewahl lenkt. „A Hefewoiza wär jetzt scho guad!“ Hinter mir lamentiert ein älterer Herr mit bauchbetonendem Poloshirt und modischen weißen Socken in Trekkingsandalen, weil er warten muss. Er bedauere, dass er nicht einfach montags kommt. Denn da sei weniger los. Ich bedauere das auch, will es ihm aber so direkt nicht sagen. Dann erklärt der Herr seinem Gegenüber, wie schlecht doch die Organisation hier sei und das ihm jetzt bald der Kragen platze. „Die mached richdig Mischd hier ond des muaß ma dene endlich amol saga!“ Immer wieder sagt er das und gibt Tipps zur Schlangenbekämpfung. Das Organisationstalent kämpft sich mit spitzen Ellenbogen an mir vorbei, steht schließlich vor mir am Schalter und bezahlt stillschweigend. Da geht's dann doch mit mir durch und ich tippe ihm auf die Schulter: „Wolltet Se eigentlich dem Herrn do it no äbbes saga?“ Völlig perplex blitzt es aus seinen Augen. Nach dreißigminütigem Schimpfen hat der Schlangenexperte seine Munition verschossen und behält seine detaillierten Ausführungen für sich.

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Donnerstag, 30. Juni 2016 von Daniel Seeburger

Eine Diktatur ist keine Party

Vor allem die jungen Briten zeigen sich nach dem Ausgang des Brexit-Referendums schockiert. 75 Prozent der 18- bis 24-Jährigen haben für einen Verbleib des Vereinigten Königreichs in der EU gestimmt. Bei den über 65-Jährigen waren 60 Prozent für einen Brexit. Mich macht die Tatsache fassungslos, dass gerade einmal 36 Prozent der 18- bis 24-jährigen Briten überhaupt abgestimmt haben. Bei den über 65-Jährigen beteiligten sich fabelhafte 83 Prozent an der Abstimmung, bei den 55- bis 64-Jährigen 81 Prozent. Eine Kritik der Jungen an den Alten ist also völlig fehl am Platz

Auch in Deutschland lässt sich diese Kluft ausmachen. Bei der Landtagswahl im März lag die Wahlbeteiligung bei den 18- bis 20-Jährigen bei 55,9 Prozent, bei den 21- bis 24-Jährigen bei 52 Prozent. Dagegen gingen 71,5 Prozent der 50- bis 59-Jährigen und sogar 73,8 Prozent der 60- bis 69-Jährigen zur Wahl. Wenn meine 20-jährige Kollegin auf die Frage, ob sich junge Menschen für Politik interessieren ohne lange zu überlegen mit „Nö“ antwortet, dann läuft etwas fundamental falsch in der Gesellschaft. Wenn, wie besagte Mitarbeiterin anmerkt, dass den jungen Leuten Partys, Feiern und Hobbys wichtiger sind, dann bin ich baff.

Demokratie gibt es nicht für umme und sie ist kein natürlicher, gottgegebener Zustand. Wenn ihr, liebe jungen Freunde, auch in Zukunft Partys feiern wollt, ohne von irgendwoher drangsaliert und gegängelt zu werden, dann müsst ihr etwas dafür tun. Es fällt einem nicht immer alles in den Schoß und das Leben läuft nicht als Reality-Soap auf einem Bildschirm mit Rewind-Funktion. Die bürgerlichen Freiheiten müssen täglich neu erkämpft und verteidigt werden. Eine Diktatur ist keine Party. Also, endlich Hintern hoch und los!

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Dienstag, 28. Juni 2016 von Daniel Seeburger

Britischer Salat

Die Briten haben den Brexit – und damit den Salat. Plötzlich hat eigentlich niemand so richtig aus der EU rausgewollt. Einen Denkzettel für die Regierung – ja; einen Denkzettel für die europäische Bürokratie – sowieso; ein bisschen britischen Snobismus zeigen – aber natürlich. Was aber jetzt kommt, haben die wenigsten geahnt. Nicht einmal die Brexit-Brüller aus den obersten Regierungs- und Parlamentsetagen. Denn die stehen plötzlich völlig ohne Plan da, sind sehr wortkarg geworden. Boris Johnson, ehemaliger Bürgermeister von London und einer der Chef-Brexisten erklärte gestern zwar, dass die Briten auch weiter Zugang zum EU-Binnenmarkt haben werden und die daraus resultierenden Vorteile weiter bestünden. Ob er das selbst glaubt, bleibt sein Geheimnis. Denn EU-Volkswirte haben bereits verkündet, dass die wirtschaftlichen Sonderregelungen, wie sie die Schweiz oder Norwegen genießen, für die Briten nicht in Frage kommen dürften. Ganz besonders dreist kam am Freitag der britische Rechtspopulist Nigel Farage daher, der kurzerhand das Versprechen der Brexit-Befürworter, die 350 Millionen Pfund, die Großbritannien wöchentlich an die EU zahle, würden künftig im britischen Gesundheitssystem landen, kippte. Dass diese Zahl so nicht stimmt, war schon lange vorher bekannt. Die Brexisten vergaßen einfach, das Geld, das wöchentlich aus der EU auf die Insel zurückfloss, gegenzurechnen. Nachdem nun die europafreundlichen Schotten und Nordiren überlegen, sich mittels Referendum von Großbritannien abzuspalten, zeigt sich, dass die Wir-sind-Wir-Nationalisten von der Insel nur eines erreicht haben: Großbritannien wird nicht stärker, sonder schwächer, nicht größer, sondern kleiner, nicht unabhängiger, sondern unbedeutender. Nationalismus schafft immer noch mehr Nationalismus. Ich dachte, diese Zeiten seien in Europa vorüber. Ich habe mich getäuscht. Leider.

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Freitag, 24. Juni 2016 von Daniel Seeburger

Bewährtes Personal

Hat einer unserer Partei- oder Regierungsgranden eigentlich schon einmal in Erwägung gezogen, bei der Suche nach einem geeigneten Bundespräsidenten, auf bewährtes Personal zurückzugreifen? Im Februar 2012 trat Bundespräsident Christian Wulff zurück, weil die Staatsanwaltschaft die Aufhebung seiner Immunität beantragt hatte und wegen Vorteilsnahme gegen ihn ermittelte. Seine Ehe ging in die Brüche, unter anderem weil seine Ehefrau Bettina Wulff übelsten Gerüchten und unglaublichen Unterstellungen ausgesetzt war. Der Journalist Hans Leyendecker bezeichnete das damals als „Rufmord“. Was sich schließlich vor dem Landgericht Hannover herausstellte: Die „Wulff-Affäre“ war gar keine. Der ehemalige Bundespräsident wurde im Februar 2014 freigesprochen. Im Nachhinein gibt vor allem das unsägliche Verhalten einiger Medien Anlass zum Nachdenken.

Was also spräche dagegen, Christian Wulff wenigsten zu fragen, ob er bereit wäre, für das Amt, das er ungerechtfertigterweise aufgeben musste, erneut zur Verfügung zu stehen? In der Zeit, in der er unbehelligt arbeiten konnte, hat er es nämlich ganz gut gemacht.

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