Samstag, 13. Oktober 2018 von Klaus Irion

Duldsame Bahnkunden

Mittwochnachmittag, Hauptbahnhof Stuttgart. Menschen irren etwas rat- und ziellos zwischen den Gleisen hin und her. Den ungläubigen Blick immer wieder auf die Anzeigetafel gerichtet. Doch, es stimmt. Nicht nur der nächste, nein auch der übernächste Zug, der die Menschen auf der Neckartalbahn und anschließend auf der Zollernalbbahn in Richtung Süden befördern soll, wird ersatzlos gestrichen. Als Grund wird genannt: Ein medizinischer Notfall in einem entgegenkommenden Zug. Notgedrungen begeben sich alle betroffenen Reisenden in einen IC, der sie immerhin schon einmal bis Plochingen bringt. Dort heißt es dann umsteigen. Im Laufschritt wälzt sich die Masse Mensch Richtung Gleis 59 (die Zahl stimmt wirklich), eine Art Abstellgleis für einen einzigen Triebwagen. Wer nun aber glaubte, es wäre angesichts des unfassbaren Platzmangels zu „dramatischen“ Szenen gekommen, der irrt. Als sich endlich alle Geplagten in den Wagen gequetscht hatten, kehrte absolute Stille ein. Eine Gemeinschaft von Leidenden, die ihr Schicksal ergeben hinnahmen. Vermutlich weil für viele von ihnen solche Szenen inzwischen zum Bahnpendler-Alltag gehören. Hut ab vor allen Duldsamen. Die Deutsche Bahn kann sich glücklich schätzen, dass sie trotz des Fahrtplanchaos' noch solche Kunden hat.

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Freitag, 28. September 2018 von Klaus Irion

CCCP-Trikot im Neckarstadion

E s war der 22. Juni 1988. Die Mercedes-Benz-Arena hieß noch Neckarstadion, Russland noch Sowjetunion. An diesem Tag trafen Italien und die UdSSR im Halbfinale der Fußball-EM in Stuttgart aufeinander. Die Italiener hatten zu meinem Leidwesen den Deutschen in der Vorrunde den Gruppensieg überlassen müssen. Dadurch spielte Deutschland sein Halbfinale in Hamburg gegen die Niederlande, und ich musste stattdessen mit den Tifosi vorliebnehmen. Denn die Blanko-Halbfinalkarten hatte ich natürlich schon lange vor dem Turnier gekauft. Für den Spieltag lieh ich mir von einem Mitschüler ein knallrotes CCCP-Trikot. Vor dem Spiel begrüßten mich einige wenige sowjetische Fans überschwänglich und die Italiener schmunzelten. Nach dem Abpfiff (2:0 für die Sowjetunion) beeilte ich mich, ungeschoren vom Ort des Geschehens wegzukommen. Seit gestern ist klar: Im Jahr 2024 kommt die Fußball-EM nach Stuttgart zurück. Ich freue mich sehr darauf.

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Samstag, 11. August 2018 von Klaus Irion

Woher stammt der Name Irion?

Ich trage einen großen Namen, heißt eine beliebte Ratesendung des SWR, bei der Nachfahren von Persönlichkeiten nach erratenem Nachnamen aus dem eigenen Leben, aber vor allem aus dem Leben des nachnamensgleichen berühmten Vorfahren berichten. Nun kann ich nicht behaupten, dass ich einen berühmten Vorfahren namens Irion habe. Dafür kann ich sagen: Es ist ein außergewöhnlicher, weil eher seltener Nachname. So zumindest sehen es viele Zeitgenossen. Zwei Fragen, die mir in meinem Leben mit Sicherheit am meisten gestellt werden: „Woher kommt dieser Name?“ Und seit ich in Balingen lebe auch: „Sind Sie mit den Irions aus Geislingen oder denen aus Rosenfeld verwandt?“ Zu Frage eins: Die Herkunft meines Namens ist nach wie vor ungewiss. Es gibt die katholische Variante, wonach Irion dem Kölner Ortsheiligen Gereon geschuldet ist. Es gibt die evangelisch-französische Variante, wonach es ursprünglich ein Hugenottenname gewesen sein soll. Und es gibt die religiös neutrale Variante, wonach Irion aus dem alemannischen Sprachraum entstammt. Was die zweite Frage betrifft: Nein, ich habe – zumindest meines Wissens nach – keinerlei verwandtschaftliche Beziehungen zu den wenigen Irions in Geislingen oder Rosenfeld. Ich bin ein vor vielen Jahren aus dem Südschwarzwald zugereister Irion, und meine Irion-Vorfahren stammen aus Flözlingen bei Rottweil. Diese Nicht-Verwandtschaft gilt auch zu unserer derzeitigen Redaktionspraktikantin Lea Irion aus Ratshausen. Auch wenn in der Öffentlichkeit – wieder einmal wohl unserem gemeinsamen seltenen Nachnamen geschuldet – bereits Verwandtschaftsgerüchte die Runde machen.

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Freitag, 3. August 2018 von Klaus Irion

Endlich einen Commodore 64

Nein, ich hatte Mitte der 1980er-Jahre keinen Commodore 64 oder Commodore 128, wie der eine oder andere aus meiner Straße. Mein erster Computer war einer von Texas Instruments, und als rudimentäres Speichergerät diente mein handelsüblicher Kassettenrekorder. Im Informatikunterricht einige Jahre später setzte man auf PCs der deutschen Marke Schneider. Und ja, man konnte im Computerraum meiner Schule damit auch ganz gut zocken. An der Decke hing ein heute unvorstellbares Beamer-Monster, das uns „Mission Impossible“ in der Schneider-Version auf die Leinwand projizierte. Aber es war eben doch alles nur ein müder Zocker-Abklatsch im Vergleich zu C64 und C128. Der eine oder andere wird sich noch daran erinnern. Commodore prangte damals selbst auf den Trikots von Bayern München. Lange her, und doch so neu. Denn mit 30-jähriger Verspätung habe ich ihn nun, meinen C64. Er ist zwar nur halb so groß wie das Original, das Gehäuse samt Tastatur reine Attrappe. Dafür hat das Innenleben der chinesischen C64-Hartplastik-Kopie Originalspiele im Angebot. Mit unglaublich mieser 1980er-Jahre Grafik und einem auf Original gemachten, „gefühlsarmen“ Joystick, der die eigentliche Herausforderung beim Zocken darstellt. Retroherz, was willst du mehr, ich bin begeistert.

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Dienstag, 10. Juli 2018 von Klaus Irion

Gelb-rot-gelb und schwarz-rot

In meinem Viertel weht in einem Privatgarten seit geraumer Zeit die schwarz-gelbe Landesfahne Baden-Württembergs. Einst geboren aus der schwarz-roten Flagge Württembergs und der gelb-rot-gelben Flagge Badens. Während man die württembergische Flagge heute in der Öffentlichkeit nur noch selten antrifft, ist die badische Flagge populärer denn je. Ein Blick in die Fußballstadien in Freiburg oder Karlsruhe genügt. War dies bislang eher der folkloristischen Heimatverbundenheit geschuldet, hat sich in Karlsruhe nun ein hochoffizieller, politischer Streit daran entzündet, dass das Stuttgarter Staatsministerium verboten hat, weiterhin die badische Flagge auf dem Karlsruher Schloss zu hissen. Der badische Protest wird täglich größer. Eine Online-Petition zur Wiederzulassung der badischen Flagge auf dem Schlossdach läuft und hat bereits über 10 000 Unterstützer. Übrigens auch von schwäbischer Seite. Der Streit passt in unsere Zeit. Je massiver die unübersichtliche Globalisierung, desto größer die Sehnsucht nach überschaubarer Regionalität. Bereits Ende der 1990er-Jahre habe ich (Badener) gemeinsam mit einem Mitstudenten (Schwabe) die Frage der zunehmenden Regionalisierung im Fußball in einer internationalisierten Welt als Zwischenprüfungsarbeit analysiert. So lange her und doch so aktuell.

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