Mittwoch, 3. Oktober 2018 von Lydia Wania-Dreher

Das schwere Schweben

Tanzen, als würde es kein Morgen geben. In Ekstase die Welt drum herum vergessen, nur einen einzigen Augenblick den Schmerz nicht fühlen. Die Fernsehserie „Babylon Berlin“ entführt die Zuschauer in eine Zeit des Ausnahmezustands. In die deutsche Hauptstadt 1929. Die Schrecken des Krieges sind präsent und die Zukunft ungewiss. Dieses Leben im Schwebezustand und die Unsicherheit, wer gut und wer böse ist, haben mich in den Bann gezogen. Eine Folge schaue ich nach der anderen an – gefesselt von den Bildern, die bittere Armut zeigen, und dem Handeln der Menschen. Jeder ist sich selbst am Nächsten. Aus dem Verratenen wird im nächsten Augenblick selbst ein Verräter, nur um einen kleinen Vorteil zu bekommen. So schillernd die Kleider auch sein mögen, so kokett die Hüte auch aussehen – ich bin froh, nicht in dieser Zeit zu leben. Und dankbar, anders leben zu können. Aber mir wird durch solche Filme auch immer wieder bewusst, dass mein jetziges Dasein nicht selbstverständlich ist. Und, es sich lohnt, dafür zu kämpfen. Ich möchte nicht, dass wir uns im Jahr 2029 in einem solchen Schwebezustand befinden.

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Mittwoch, 19. September 2018 von Lydia Wania-Dreher

Ganz besondere Früchte

Äpfel wohin das Auge blickt. In diesem Jahr hängen die Obstbäume richtig voll. Auch in unserer Redaktion geht das nicht spurlos vorbei. Fast jeden Tag bringt ein anderer Kollege Äpfel aus seinem Garten mit und hat dazu auch gleich noch eine Geschichte zu erzählen, denn mit einer kleinen Anekdote isst es sich noch viel besser. So stammen die Früchte des einen Kollegen von einem gepfropften Baum. Daher weiß er die Sorte nicht, was unter den fachkundigen Apfelbaumbesitzern in der Redaktion gleich zu Mutmaßungen führt. Das könnte doch ein so und so sein oder vielleicht auch der oder der.

Ein andere Kollege weiß ganz genau, was er in seinen Garten gepflanzt hat: einen Fraas'schen Sommerkalvill. Quasi einen Ur-Balinger. Denn er ist nach Dekan Christoph Friedrich Fraas benannt. Dieser war nicht nur Geistlicher in der Eyachstadt, sondern auch ein begeisterter Obstzüchter. Durch Zufall entdeckte Dekan Fraas die robuste Sorte mit den süßen Früchten. Im September 1850 wurde dann Eduard Lucas auf seiner pomologischen Reise, die ihn auch durch Balingen führte, auf die schmackhafte Apfelsorte aufmerksam. Der königliche Garteninspektor beschrieb in einem Buch erstmals den sogenannten Fraas'schen Sommerkalvill. Schön, dass es heute noch einige Bäume dieser alten Balinger Sorte gibt und wir auch heute noch die Früchte des Dekans genießen können.

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Freitag, 7. September 2018 von Lydia Wania-Dreher

Ballast abwerfen

Kofferpacken ist eine Kunst für sich. Und ich falle eindeutig in die Kategorie Minimalismus. Das habe ich erst neulich wieder gedacht. Da verstaute ich meine sieben Sachen für ein verlängertes Wanderwochenende in einem Rucksack. Bei jedem Teil überlegte ich mir, ob ich es wirklich brauche, oder ob es nicht auch ohne geht. Und am Ende blieb mal wieder erstaunlich wenig übrig: Kamm und Haarspray braucht kein Mensch in den Bergen – eine einfache Bürste tut es auch. Das kleine 3-in-1-Duschgel ersetzt Seife, Shampoo und Gesichtsreinigung. Und eine warme Jacke reicht vollkommen. So blieb mein Rucksack leicht und mein Rücken freute sich.

Aber auch bei anderen Urlauben packe ich à la Minimal-Art. Oft habe ich den kleinsten Koffer von allen dabei. Statt zig T-Shirts nehme ich lieber Rei aus der Tube mit. Wenn ich dann die großen Taschen der anderen sehe, freue ich mich immer, dass ich nicht so viel Ballast mit mir rumschleppen muss und mit wenig auskomme. Vermisst habe ich bisher übrigens noch nichts. Im Gegenteil, wenn ich nach dem Urlaub alles wieder auspacke, ärgere ich mich über die Dinge, die ich gar nicht gebraucht habe.

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Samstag, 18. August 2018 von Lydia Wania-Dreher

Mehr als ein Stück Papier

Ich bin ein Fan von kleinen Zetteln. Von kleinen Zetteln mit Botschaft. Ganz unverhofft läuft man an solche hin und meist verschönern sie einem – zumindest für einen Moment – den Tag. In meinem Urlaub hatte sich eine Gruppe die Mühe gemacht und jeden Tag einen Zettel mit einer Botschaft an die Spiegel in den Waschräumen gehängt. Darauf stand manchmal ein kleiner Satz, manchmal eine kurze Geschichte. „Was macht dein Leben reicher?“ oder „Was würdest du in dein Glücksglas füllen?“.

Dieses kurze Innehalten und Nachdenken fand ich wunderbar. Es waren mit meine schönsten Urlaubsmomente. Schon allein die Gedanken an Freunde, Familie oder Blumen auf einer großen Wiese machten mich ein klein wenig glücklicher. Und – ich freute mich jeden Tag auf die Waschräume.

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Samstag, 30. Juni 2018 von Lydia Wania-Dreher

Die Sternchen und das Trikot

N ach dem WM-Aus der deutschen Fußballnationalmannschaft schnappte ich das Trikot meines Mannes und steckte es zu dem großen, weißen Wäscheberg in die Waschmaschine. In der Mittagspause hängte ich dann die ganzen Kleidungsstücke zum Trocknen auf. Es musste mal wieder schnell gehen und ich schaute nicht jedes Teil genau an.

Etwas später bemerkte ich dann beim Kochen, dass etwas kleines Schwarzes vor der leeren Waschmaschine lag. Als ich genauer hinsah, erkannte ich: Es war ein Sternchen. Sofort wusste ich, wo das hingehört. Zum Trikot meines Mannes. Da musste ich schmunzeln. Hat etwa unsere Waschmaschine das Debakel der deutschen Mannschaft registriert und beschlossen, dass die den vierten Weltmeisterstern nicht mehr verdient haben?

Vielleicht – aber wahrscheinlicher ist, dass das Trikot einfach keine 60-Grad-Wäsche verträgt. Denn als ich das weiße T-Shirt genauer anschaute, merkte ich, dass noch ein weiteres Sternchen fehlt. Das friemelte ich anschließend mit der Pinzette aus der Waschmaschinentrommel. So dass nun alle Sternchen wieder da sind und ich sie demnächst wieder aufkleben kann. Denn dass der deutschen Mannschaft für ihr Spiel Sterne aberkannt werden, hat sie wirklich nicht verdient.

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