Unbekannte werfen auf dem Jüdischen Friedhof mit Grabsteinen
Ein Bild des Jammers: Dieser Grabstein auf dem Jüdischen Friedhof in Hechingen wurde umgestoßen und dadurch zerbrochen.
Ein Bild des Jammers: Dieser Grabstein auf dem Jüdischen Friedhof in Hechingen wurde umgestoßen und dadurch zerbrochen. Foto: Kiris-Bau
Ein Bild des Jammers: Dieser Grabstein auf dem Jüdischen Friedhof in Hechingen wurde umgestoßen und dadurch zerbrochen.
Ein Bild des Jammers: Dieser Grabstein auf dem Jüdischen Friedhof in Hechingen wurde umgestoßen und dadurch zerbrochen. Foto: Kiris-Bau

Hechingen, 13.06.2018

Unbekannte werfen auf dem Jüdischen Friedhof mit Grabsteinen

Schierer Vandalismus oder gezieltes Werk von Antisemiten? Die Freveltat am Hechinger Stadtrand Galgenrain löst in jedem Fall blankes Entsetzen aus.

von Hardy Kromer  

Es ist wieder passiert: Wie zuletzt vor 25 und vor 28 Jahren ist der Jüdische Friedhof Hechingen von bislang unbekannten Tätern geschändet worden. In der Nacht von Freitag auf Samstag machten sich die Freveltäter auf dem abgeschieden am Hechinger Stadtrand in Richtung Sickingen gelegenen Friedhof an ihr Werk.

Täter zerstören Grabsteine 

Sie stießen einen Grabstein um und zerstörten ihn dadurch. Einen zweiten, kleineren Grabstein warfen sie über die an dieser Stelle schon frisch sanierte Friedhofsmauer und beschädigten dadurch ebendiese. Anders als bei ähnlichen, früheren Taten hinterließen die Täter diesmal keine Schmierereien, die auf eine rechtsradikale Gesinnung hindeuten.

Israelitische Religionsgemeinschaft: „furchtbar!“

Michael Kashi, Vorstandsmitglied der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg, der der Friedhof gehört, braucht jedoch keine Hakenkreuze, um gezielten Antisemitismus zu erkennen. „Man sieht, dass das jemand absichtlich gemacht hat“, sagte er im Gespräch. „Das erleben wir leider immer wieder und überall.“ „Furchtbar“ nennt Kashi, was in Hechingen passiert ist, und merkt nüchtern an: „Nicht alle Menschen auf der Welt müssen Juden mögen. Aber was haben ihnen die Toten getan?“ Dass man die Toten nicht einfach in Frieden lassen könne, dafür hat er absolut kein Verständnis. Noch einmal: „Furchtbar!“

Auch der neue Hechinger Bürgermeister Philipp Hahn hat die Tat kommentiert: „Das Bewusstsein für die jüdische Vergangenheit in Hechingen ist mir und dem Gemeinderat ein wichtiges Anliegen. Ein solcher Vandalismus ist zu verabscheuen.“

Die Polizei ermittelt 

Entdeckt worden war die Schändung am Samstag von Mitarbeitern der Spezialfirma Kiris-Bau aus Freudenstadt, die derzeit im Auftrag der Stadt Hechingen die bröckelnde Umfassungsmauer saniert. Die Israelitische Religionsgemeinschaft, die von der Stadt informiert wurde, hat umgehend bei der Hechinger Polizei Anzeige gegen Unbekannt erstattet – auch wenn Michael Kashis Hoffnung, dass die Täter geschnappt werden, eher gering ist. „Vor ein paar Monaten“, erzählt er, „wurde die Fassade der Synagoge in Ulm beschädigt. Dort gibt es sogar eine Videoüberwachung, und trotzdem wurde die Tat bislang nicht aufgeklärt.“

Die letzten Grabschändungen, an die sich Kashi erinnert, waren vor Jahresfrist in Sontheim bei Heilbronn, sinnigerweise an Adolf Hitlers Geburtstag, und 2007 in Freudental im Kreis Ludwigsburg. In der Gemeinde, in der seinerzeit Dorothea Bachmann Bürgermeisterin war, ging man ebenfalls von einer rechtsradikalen Täterschaft aus.

Morgen wird Landesrabbiner Netanel Wurmser in Hechingen erwartet, um sich ein Bild von den Schäden zu machen. Der Besuchstermin stand freilich schon vor der Freveltat fest und dient in erster Linie der Besichtigung des Sanierungsfortschritts. Auch Vertreter des Landesdenkmalamts und der Stadt Hechingen werden draußen am „Galgenrain“ dabei sein.

 

Immer wieder Taten von alten und neuen Nazis

Otto Werner berichtet in seinem Buch „Synagogen und jüdischer Friedhof in Hechingen“ von einer langen Serie der Verwüstungen. Am übelsten zugesetzt wurde dem Hechinger Judenfriedhof im Dritten Reich. „Kein Grabstein stand mehr aufrecht, viele Steine waren zerschlagen“, schilderte Edward Levy den grauenvollen Anblick, der sich ihm 1945 bot. Nach dem Krieg wurden die Grabsteine wieder aufgestellt. Weitere Schändungen folgten indes 1952 und 1965.

In Erinnerung ist die Tat vom Sommer 1990: Drei auswärtige Täter stürzten 95 (!) Grabsteine um, beschmierten fast ebenso viele. Die Hechinger Bürgerschaft reagierte auf die Neonazi-Tat mit einem Schweigemarsch durch die Goldschmiedstraße. Hunderte beteiligten sich. Erwischt wurden zwei 17-jährige Täter aus Hechingen, die 1993 15 Grabsteine umwarfen. Sie wurden wegen Volksverhetzung und Störung der Totenruhe verurteilt. hy

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