09.08.2018

Leserbrief

Schöne neue digitalisierte Arbeitswelt

Leserbriefe sollten 80 Druckzeilen nicht überschreiten. Die Redaktion behält sich Kürzungen vor.

 
Die Industrie 4.0 wird von den Wirtschaftsvertretern über den grünen Klee gelobt. Man sieht Einsparpotenzial in Milliardenhöhe. Menschen werden scheinbar nach wie vor gebraucht, dass klingt zunächst beruhigend. Schließlich sind arbeitende Menschen auch Konsumenten. Die Digitalisierung vernichtet einer Studie zufolge in Deutschland viele Arbeitsplätze. Rund 3,4 Millionen Stellen fallen in den kommenden fünf Jahren weg, weil Roboter oder Algorithmen die Arbeit übernehmen, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung unter Berufung auf eine Umfrage des IT-Verbands Bitkom unter 500 Betrieben mitteilte. Jede vierte Firma sieht sich so sogar in ihrer Existenz bedroht. Das ist aus Sicht der Industrie ein normaler Vorgang, wenn sich Produktivität erhöht, kann aber für eine Gesellschaft nicht erstrebenswert sein. Wo bliebe die WinWin Situation?
Es gibt viele Dinge in Fabriken, die individuelle Eingriffe erfordern, wie die Bedienung komplexer Maschinen oder die Optimierung von Abläufen, beschwichtigen die Experten. Je mehr softwaregesteuerte Technik wir haben, desto mehr IT-Experten werden gebraucht. Die Qualifikation der Mitarbeiter ändert sich. Das ist zwar schön, aber der einfache Arbeiter am Band oder der Zeitarbeiter im Lager oder Hausfrauen in Teilzeitarbeit werden wohl kaum alle IT-Fachleute. Es war bei jeder industriellen Revolution so, das ein großer Teil der Arbeitenden Bevölkerung auf der Strecke blieb.
Wo sind die Strategien der Regierung, die von den Veränderungen weiß, aber wohl das Aussitzen von Problemen vorzieht. Welche Fähigkeiten brauchen Menschen, um unter den Bedingungen der digitalen Revolution auf dem Arbeitsmarkt erfolgreich sein zu können? Wie kann der Staat ihnen helfen? Wie sollte das Steuersystem ausgestaltet sein, um die Entwicklung abfedern zu können? Eine Regierung, die sich eine Digitale Agenda auf die Fahnen schreibt, sollte Antworten suchen.
Vor Hintergrund der Belastungen des Arbeitsmarktes durch Digitalisierung und des Umbruchs in der Autoindustrie hin zur Elektromobilität muss die Frage erlaubt sein, auch wenn die Nazikeule erhoben wird, wozu brauchen wir ein von unternehmensnahen Kreisen gefordertes Zuwanderungsgesetz?
Hartwig Wehrstein
Panoramastraße 36a, Tailfingen

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