Echte Flädle und Weckle lassen die Hauptstädter völlig kalt

Albstadt-Tailfingen, 26.11.2018

Echte Flädle und Weckle lassen die Hauptstädter völlig kalt

Die in Esslingen geborene „Prenzlschwäbin“ Bärbel Stolz blickte im Thalia-Theater tief in die schwäbische Seele und räumte nebenbei mit dem einen oder anderen Klischee auf.

von Katja Weiger  

Haufenweise überquellende Hauptstadt-Mülleimer, keine „guade Brezla“ und über allem die entscheidende Frage: „Isch des bio?!“: Die „Prenzlschwäbin“ Bärbel Stolz hat am Freitag im Tailfinger Thalia, präsentiert vom ZOLLERN-ALB-KURIER, höchst amüsant aus ihrem Berliner Nähkästchen geplaudert.

Echte Flädle und Weckle lassen die Hauptstädter völlig kalt

Die gebürtige Esslingerin Stolz, die „Prenzlschwäbin“ mit Hayinger Vergangenheit, lebt seit vielen Jahren in ihrem Hauptstadt-Exil. Sie kennt sich aus in ihrem Kiez rund um den „Prenzlberg“, also den „Prenzlauer Berg“. Sie weiß, wie man andere Eltern aus dem Viertel mobbt, um auf der Kita-Warteliste weiter nach oben zu klettern.

Oder warum es nicht gerade dienlich ist, in Berlin schnöde „Weckle“ bei der volltätowierten Bäckerei-Fachverkäuferin zu bestellen: „Wat woll’n Se?!“. Kartoffelsalat ohne Mayo beispielsweise, dafür aber mit Essig und Brühe. Was für ein tiefer Blick in die urschwäbische Seele.

Natürlich sind ihr die besten Adressen für Cortado mit Mandelmilch, Soja-Chai-Latte oder veganen Wurstsalat vertraut oder die pampige Lässigkeit, mit der die Menschen in Berlin ihren Alltag meistern – kollernde Bierflaschen in der U2 inklusive.

Dass der Berliner, also das klebrig-süße Gebäck mit Gsälzfüllung, nur in Berlin „Pfannkuchen“ heißt und sonst nirgends auf der Welt, ist der „Prenzlschwäbin“ bis heute unverständlich. Denn wenn man an der Spree im Lokal „Pfannkuchen“, also auf gut Schwäbisch „Flädle“, haben wolle, müsse man „Eierkuchen“ bestellen: „Des isch doch echt id logisch.“

Mit schwäbischer Brille

So what? Denn selbstverständlich ist die 41-Jährige in der Lage, echte Spätzle „durchzudrucka“ und weiß, dass Berlin in Sachen Brezel und Mülltrennung Einödland ist. Dennoch fühlen sich Schwaben wie sie in der Hauptstadt wohl – und das weiß die Welt nicht erst seit Wolfgang Thierses Verbalangriff, ganz zu schweigen vom Spätzle-Attentat.

Bärbel Stolz’ schwäbische Seele vermag all das mit Humor zu nehmen: Sie ist schließlich eine Landsmännin von Hölderlin oder Schiller und kann sogar ins dritte Auge atmen, wenn gar nichts mehr hilft.

Die Schauspielerin, die im Kino-Hit „Fuck ju Göthe“ zu sehen war, nimmt auf ihrer Comedy-Tour ihre Gäste mit in das Isch-des-Bio-Universum rund um den Prenzlauer Berg. Dazu setzt sie ihre schwäbische Brille auf – sehr zur Freude ihrer zahlreichen Zuhörer im Thalia. Man fühlt sich in flagranti ertappt, ein wenig erwischt, aber was soll’s.

Bärbel Stolz tritt niemanden auf den berühmten Schlips, ihre Neckereien sind mit Augenzwinkern, man möchte sogar sagen sehr liebevoll. Wie sie frisch von der Leber weg plaudert, ist höchst amüsant – erst recht für eingeborene, dialektaffine Schwaben.

Mit gewitzter Beobachtungsgabe nimmt die „Prenzlschwäbin“ kleine Eigenheiten ihrer Mitmenschen und den Zeitgeist aufs Korn, karikiert und hält den Spiegel vor, aber ganz ohne hocherhobenen Zeigefinger oder Moralpredigt, dafür aber mit Petroleum-Intoleranz.

Bärbel Stolz, durch viele Internet-Clips und ihr neues Buch einem großen Publikum bekannt, verfügt über die hinreißende Fähigkeit, über sich selbst lachen zu können – beispielsweise in der Story über den Ausflug in den Friedrichshainer „Berghain“, den sie offenbar mit ihrer Schwester hinter sich bringen musste.

Im begehrten Szeneschuppen

Spontan glaubt man ihr, die in Tailfingen in einem fröhlichen, roten Tupfenkleid über die Bühne wuselt, wie unsagbar schwer es ihr gefallen sein muss, schweigend und ganz in Schwarz gekleidet auf den Einlass in den begehrten Szeneschuppen zu warten.

Das große Glück, so mag man der passionierten Schwäbin am Ende eines höchst unterhaltsamen Abends zurufen, ist der Umstand, dass „Prenzlberg“ wenigstens ein bisschen so klingt wie „Brezelberg“. Auch wenn es dort in Sachen Laugengebäck bekanntermaßen trostlos ausschaut.

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