Trialog unter den Religionen

Albstadt-Ebingen, 06.12.2018

Trialog unter den Religionen

Die Hoffnung auf einen Trialog der drei monotheistischen Weltreligionen verband die Besucher der Vesper zum Ewigkeitssonntag in der evangelischen Martinskirche.

 

Unter dem Motto „Vom Dialog zum Trialog“ waren „muslimische Perspektiven auf die Shoah-Erinnerungskultur in Deutschland“ das Hauptthema des mit berührender Musik umrahmten Abends. Hasan Dagdelen von der Stiftung Stuttgarter Lehrhaus ist es am Sonntagabend in der Martinskirche gelungen, deutlich zu machen, warum die Auseinandersetzung der Deutschen mit ihrer Geschichte ein so wichtiges Beispiel für Muslime sein kann.

Hasan Dagdelen von der Stiftung Stuttgarter Lehrhaus.
Hasan Dagdelen von der Stiftung Stuttgarter Lehrhaus. Foto: Privat

Ein Zeichen setzen

Aus ihren Herkunftsländern wüssten muslimische Migranten nichts von der Shoah, so Dagdelen, und folglich auch nichts von der Erinnerungs- und Gedenkkultur, die in Zeiten wieder aufkeimenden Rechtspopulismus' so wichtig sei. Ein Zeichen dagegen zu setzen, das war die Intention der Veranstalter: Stuttgarter Lehrhaus, die evangelische Landeskirche mit der „Musik Martinskirche Ebingen“ und die Hochschule Albstadt-Sigmaringen hatten vor drei Jahren die Vortragsreihe zum interreligiösen Dialog ins Leben gerufen, um die Gemeinsamkeiten der drei abrahamitischen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam in Zeiten der Flüchtlingsbewegungen zu unterstreichen, wie Rektorin Dr. Ingeborg Mühldorfer und Steffen Mark Schwarz, Kantor der Martinskirche, deutlich machten.

Er gestaltete den Abend auch musikalisch zusammen mit Dirk Altmann, Soloklarinettist beim SWR Symphonie Orchester Stuttgart, der mit Werken von Gustav Mahler, Louis Lewandowski, Johann Sebastian Bach und Paul Ben-Haim bewegende Musikstücke für Klarinette und Orgel ausgewählt hatte und sie mit Schwarz an der Orgel feinfühlig interpretierte.

Nicht weniger passend waren die liturgischen Beiträge von Pfarrerin Marlies Haist, darunter der Psalm 74, dessen flehende Anrufe Gottes ebenso gut in den Pogromnächten im November 1938 – auch im Zollernalbkreis – hätten ertönen können.

Höhepunkt des Abends freilich war der Vortrag Dagdelens, nach dem er mit den Zuhörern – darunter auch Muslime – ins Gespräch kam. Der türkischstämmige deutsche Muslim, der einen evangelischen Kindergarten besucht hatte, machte deutlich, was die fehlende Auseinandersetzung der Muslime mit der Shoah in ihren Herkunftsländern bewirke. Sie verhindere auch das Gelingen einer Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte: Antisemitische Angriffe auf Juden, der Völkermord an den Armeniern im Ersten Weltkrieg und die bis heute anhaltende Gewalt an Kurden – mit all dem setzten sich Muslime in ihren Herkunftsländern kaum auseinander, mahnte Dagdelen.

Er selbst versucht deshalb, etwa bei Führungen für Flüchtlinge in der Hechinger Synagoge, einen Denkprozess in Gang zu setzen. Seine Hoffnung ist es, dass dieser sich bis in die Herkunftsländer auswirkt und es den Anhängern der drei monotheistischen Religionen, die sich auf Abraham als gemeinsamen Stammvater berufen, gelingt, ihre gemeinsamen Werte zu erkennen. Damit sie, wie Schwarz sagte, Unterschiede respektieren und auf der Grundlage von Toleranz, Verstehen und Gleichberechtigung miteinander leben könnten.

Geht mit gutem Beispiel voran

Dagdelen, der 36-jährige Lehrer für Geschichte, Politikwissenschaft und islamische Religionspädagogik, der in Ostfildern als Nachkomme türkisch-muslimischer Gastarbeiter geboren wurde, geht selbst mit gutem Beispiel voran, organisiert interreligiöse Veranstaltungen, betreut Stiftungsprojekte des Stuttgarter Lehrhaus im Nahen Osten und sei deshalb ein Kenner der politischen Situation in Israel und auf der Westbank, so Dr. Ingeborg Mühldorfer.

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