16.02.2019

Leserbrief

Zum Menschsein gehört mündliche Kommunikation

Leserbriefe sollten 80 Druckzeilen nicht überschreiten. Die Redaktion behält sich Kürzungen vor.

 
Folgendes Bild sehe ich vor mir: Mehrere junge Leute sitzen beisammen. Kein Wort wird gesprochen. Stattdessen sind alle ganz intensiv mit ihrem Smartphone beschäftigt. „Aha“, denke ich, „so sieht also die Kommunikation im Zeitalter der Digitalisierung aus“.
Und damit ist das Stichwort gefallen: Von allen Seiten erschallt der Ruf nach verbesserter Breitbandausstattung, nach Digitalisierung, besonders auch an den Schulen. Für mich stellt sich dabei die Frage: Wird durch eine verstärkte digitale Ausstattung der Schulen auch wirklich das, was man Bildung nennt, entsprechend verbessert und gesteigert? Wenn ich Texte junger Leute lese und sie mit Artikeln aus Schülerzeitschriften der Sechzigerjahre des letzten Jahrhunderts im Hinblick auf Inhalt und sprachliches Niveau vergleiche, wage ich das zu bezweifeln.
Auch die Vorlesekompetenz, die Fähigkeit, größere Sinneinheiten zu überblicken und dem Sinn entsprechend flüssig vorzutragen, ist bei einem hohen Prozentsatz der Jugendlichen unterentwickelt. Fazit: Die Schüler sollen zuerst einmal ganz elementare Fertigkeiten wie Lesen, Schreiben und Rechnen ganz gründlich lernen. Dann erst kann der PC ein wertvolles Hilfsmittel sein, vor allem, wenn es darum geht, Informationen einzuholen.
Ich will den PC nicht abwerten, aber die wesentlichen Faktoren, die die Bildung eines Menschen ausmachen wie zum Beispiel differenziertes Sprachvermögen, die Fähigkeit zu selbstständigem und kritischem Denken, Wertebewusstsein im ethischen Sinn usw. – die Aufzählung ist unvollständig –, kann er nicht vermitteln. Trotzdem ist der PC aus dem menschlichen Leben nicht mehr wegzudenken. Vordringliche Aufgaben der Schulen sind meines Erachtens: die Anleitung zu einem „vernünftigen“ Umgang mit dem PC, die Sensibilisierung für die Gefahren – zum Beispiel Mobbing oder die Preisgabe von Daten – sowie die Fähigkeit, den Gefahren gezielt zu begegnen.
Ich komme nochmals auf das einleitende Bild von den jungen Leuten mit den Smartphones zurück: Es wirkt erschreckend, entspricht aber durchaus der Realität. Dazu kann ich nur sagen: Zum lebendigen Menschsein gehört die unmittelbare mündliche Kommunikation; dazu gehört auch die unmittelbare Welterfahrung ohne Bildschirmvermittlung.
Wolfgang Raichle
Taunusstraße 36
Ebingen

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Schule.

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