Hinrichtung in Rottweil
Hinrichtung auf dem  Place de la Roquette
Hinrichtung auf dem Place de la Roquette

Rottweil, 09.06.1863

Hinrichtung in Rottweil

Im Jahre 1863 fand in Rottweil die wohl letzte Hinrichtung in der Region statt...
 

Samstag den 6. Juni, Vormittags 10 Uhr. Gestern Abend schon konnte man in hiesiger Stadt an dem Eintreffen zahlreicher Fremden, die sogar den Weg von Stuttgart hierher zum Theile nicht scheuten, wahrnehmen, daß etwas Aussergewöhnliches bevorstand. Es konnte daher nicht auffallen, daß heute früh noch vor 4 Uhr die dem Oberamtsgerichtsgefängisse näher gelegene Straßen gedrängt voll Menschen waren, welche etwas von dem auf 5 Uhr anberaumten Vollzuge der gegen den Raubmörder Orsolin und seine 3 Schicksalsgenossen von hiesigen Schwurgerichtshofe erkannten und am 29. v. M. von Seiner Mäjestät bestädigten Todesstrafe sehen wollten. Um 5 Uhr begab sich das Gericht in Begleitung des Dolmetschers v. Uextüll in den zur Vollstreckung der Hinrichtung bestimmten Hof des Gefängnisses und wurde, nachdem die Verurtheilten, jeder einzeln, von dem Pfarrer und Dolmetscher Weiskopf von Ablach und dem Kaplan Leupolz von hier auf ihren schweren Gang vorbereitet worden waren, zuerst Giacomo Orsolin in den Hof geführt. Bleichen Anlitzes, aber mit sicheren, steten Schritten trat er in seiner gewöhnlichen Kleidung, ein Crucifix in den gefalteten Händen tragend, von den erwähnten Kaplan Leupolz begleitet, vor die Richter und kniete, Gebete in italienischer Sprache hersagend, auf den sich hier befindlichen Gebetsstuhl, worauf der Gerichtsvorstand, Herr Oberamtsrichter Braun, folgende Ansprache an ihn hielt: Orsolin! Ihr habet am Dienstag nach Eröffnung der Allerhöchsten Entschließung zuerst das Wort ergriffen und im Namen Aller erklärt: ihr betrachtet die über euch verhängte Strafe als eine gerechte Sühne eurer Missethat. Zeigt nun auch auf dieser Stätte, daß die Reue Euer Herz wirklich in dem Grade durchdrungen hat, daß Ihr im Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit die gesetzliche Strafe des Mordes standhaft über Euch ergehen lassen könnt. Sofort wurde von Gerichtsaktuar Pfaff das Todesurtheil und die Allerhöchste Bestätigung desselben verlesen und sodann über Orsolin vom Gerichtsvorstande der Stab gebrochen und er dem Nachrichter übergeben mit den Worten: Euer Leben ist verwirkt, Gott sei Eurer Seele gnädig! Nachrichter! Ich übergebe Euch den Verurtheilten mit dem Befehle, ihn dem ausgesprochenen Urtheile gemäß zu richten vom Leben zum Tode! Während dessen sprach Orsolin kein Wort, kehrte sich vielmehr schweigend gegen die Guillotine um und trat auf dieselbe mit gefaßten, ruhigen Schritten zu. Vor dem Schaffote gab er das Crucifix, das er bis daher festgehalten hatte, dem Geistlichen zurück, sprach mit demselben noch ein Gebet und stellte sich sodann selbst auf das verhängnisvolle Brett. Der Geistliche begann ein lautes Vaterunser zu beten, in welches die Zuschauer einstimmten. Eine Minute darauf war Orsolins Haupt gefallen. Nachdem sofort der Leichnam und die sonstigen blutigen Spuren der Hinrichtung entfernt waren, kam die Reihe zum Sterben an Guiseppe Tisott. Auch dieser, dem man solche Kraft nicht zugetraut hatte, und der dieselbe augenscheinlich in den Tröstungen der Religion fand, betrat sicheren Schrittes den Hof, hörte ruhig die Worte des Oberamtsrichters: Tisott! Die gegen Euch erkannten Todesstrafe muß jetzt vollzogen werden. Sterbet zu Sühne Eures schweren Verbrechens im festen Vertauen auf die Barmherzigkeit Gottes, welche auch Euren unglücklichen Eltern Trost spenden wird!" und die Verlesung des Todesurteils an und wurde, wie eben Orsolin, dem Nachrichter übergeben. Bevor er sich gegen das Schaffot wandte, zog er, ohne das man im Augenblicke wußte, was er beabsichtige, beide Stiefel ab. Es bezieht sich diese Handlung nach der Aussage des Untersuchungsrichters auf den in Italien herrschenden Aberglauben, nach welchem ein nicht barfuß gerichteter Mörder der ewigen Seligkeit verlustig wird. Barfuß betrat er nun das Schaffot und ging ebenso gefaßt, wie Orsolin, seinem Tode entgegen, den er auch ohne weitern Zwischenfall rasch erduldet hatte. Wenige Minuten vergingen und der dritte der Übelthäter, der bisher so lebensfrohe, kräftige Victor Boso sollte sein junges Leben lassen. Er hat in den letzten Tagen seines Daseins die auf ihm lastende schwere Schuld erkannt und tief bereut. Es mag dieß viel dazu beigetragen haben, daß er, wenn auch bleich und verstört aussehend, doch, ohne zu wanken, das über ihn verhängte Schicksal erduldete. Er hörte voll Inbrunst die Trostworte des Gerichts-Vorstandes: „Victor Boso! Nur wenige Worte hab ich noch an Euch zu richten. Ihr seid jetzt von der Gerechtigkeit der über Euch erkannten Strafe überzeugt, Verzeiht Euren Eltern und schließt sie in Eurer letztes Gebet ein, auf daß auch sie der Stimme des Gewissens ihr Herz öffnen möchten!" zu und überließ sich sodann, nachdem die gesetzlichen Förmlichkeiten, wie bei den Übrigen, eingehalten worden waren, mit den italienisch gesprochenen Worten: Herr in deine Hände empfehle ich meinen Geist, erbarme die meiner Seele, dem Nachrichter und seinen Gehilfen. Kurz darauf hate er ausgelitten. Rasch begann nun auch die Execution an Anton Marcon. Er wurde wie seine Leidensgefährten von Kaplan Leupolz auf seinem letzten Gange begleitet. Von allen vieren sah diese Unglückliche am meisten ergriffen aus, seine Gesichtszüge zuckten oft krampfhaft zusammen, aber trotzdem wußte auch er seine Fassung zu bewahren. Er knieete betend zu Füßen des Gerichts nieder, worauf an ihn der Gerichtsvorstand noch die wenigen Worte richtete: Auch ihr habt Beweise gegeben, daß eine Sinnesänderung in Euch vorgegangen und Reue in Euer Herz eingekehrt ist. Bestätiget dieß in dieser schweren Stunde und bedenkt, daß nur ein reuiger Sünder Erbarmen vor dem Richter, zu dem Ihr jetzt gerufen werdet, finden kann!" Hierauf erlitt er standhaft den Tod. Kaplan Leupolz sprach sodann ein Gebet und darauf wurden die 4 Leichname, welche je nach einer Hinrichtung in eine Seitenabteilung des Gefängnishofes verbracht worden waren, von diesem Geistlichen nach katholischem Ritus eingesegnet. Damit hatte das blutige Drama sein Ende erreicht. Die ganze Hinrichtung dauerte, von dem Augenblick, wo das Gericht die Richtstätte betrat, bis zu dem, wo es dieselbe wieder verließ, gerechnet, 50 Minuten, der Kopf Anton Marcons war aber schon 35 Minuten nach ersterem Zeitpunkte gefallen. Sämmtliche Leichen wurden mit dem schon bereitstehenden Fuhrwerke in die Anatomie nach Tübingen abgeführt Schließlich bleibt nun noch zu erwähnen übrig, daß der Eifer und Fleiß mit welchem Kaplan Leupolz unter Beistand des Pfarrers Weiskopf die Verurtheilten auf den Tod vorbereiteten und namentlich dieselben alle allein auf ihrem letzten Gange begleitete und aufrichtete alle Anerkennung verdient.

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