Bl Überschwemmung

Balingen, 05.06.1895

Schreckliche Hochwasserkatastrophe in Balingen und Umgebung

11 Menschen fallen der tosenden Eyach zum Opfer - Wehranlage beim Zollernschloß und Brücken weggerissen

 

Überschwemmungen in Balingen am  4. Juni 1895

Ein Unglück, wie solches hier seit Menschengedenken nicht zu verzeichnen, ist heute Nacht über unsere Stadt und die umliegenden Gemeinden hereingebrochen. Schon vorgestern abends herrschte hier Wassernot. Von 4 Uhr ab standen am Dienstag drohende Gewitter am südlichen Horizonte, welche sich in Dürrwangen durch halbstündigen Hagel und wolkenbruchartigen Regen entluden. Die Schlossen fielen in der Größe von Hasel- bis Walnüssen und bedeckten noch mehre Stunden nachher haufenweise den Boden. Durch die Wolkenbrüche entstand daselbst ein Bergrutsch, welcher das Häuschen eines armen und fleißigen Schuhmachers Kugler derart demolierte, dass dasselbe abgebrochen werden muss. Zwischen Laufen und Frommern wurde das Schienengleise zerstört, so dass die Passagiere des Abendzuges umsteigen und die Strecke bis Laufen zu Fuß zurücklegen mussten, wo ein von Sigmaringen requirierter Zug die Passagiere weiter brachte. Den unermüdlichen Anstrengungen der  Beamten und Arbeitern während der ganzen Nacht gelang es, die Strecke wieder fahrbar zu machen und zu erhalten. Die Wassermassen hausten in Frommern ebenfalls überall aufs Schlimmste und um halb 6 Uhr trat auch hier ein Hochwasser ein, welches mit noch nie gesehener Gewalt überall die schrecklichsten Verheerungen anrichtete, Bäume entwurzelte, die Felder überschwemmte, Brücken, Baumstämme, Bretter etc. fortriss und großen Schaden, namentlich in den hiesigen Mühlen anrichtete. Besonders schwer betroffen wurden die Mühlenbesitzer Roller und Jetter, welche es ihrer Mühlwehr am so genannten „großen Wehr“ vollständig fortriss, ein Schaden, der allein sich auf viele tausende Mark beziffert. Nur mit großer Mühe konnte von der alarmierenden Feuerwehr das Vieh aus den an der Eyach gelegenen Stallungen gerettet werden. Auch mehrere hiesige Gerber erlitten bedeutenden Schaden. Die obere Mühle und die Stadtmühle waren mehrere Stunden von allem Verkehr abgeschnitten, es war trotz aller Anstrengung unmöglich, den Besitzern Hilfe zu leisten, so dass ihr Schaden an verdorbenem Mehl, Frucht, Versandung der Güter usw. ebenfalls ein bedeutender ist. Auch ein Menschenleben fiel den entfesselnden Elementen zum Opfer.

Walker Wild, von Heselwangen kommend, wollte trotz aller Warnung die zur Ebergasse führende bereits überflutete Brücke überschreiten, er wurde jedoch von den Wellen fortgerissen und fand, da er die ihm auf der Kirchhofbrücke zugeworfenen Seile nicht zu erreichen vermochte, seinen Tod. Der Leichnam wurde noch am gleichen Abend in der Schafwasch, an dem selben Platze wo seit Jahren jeden Sommer als Wäscher tätig war, aufgefunden. Doch es sollte leider noch viel schlimmer kommen.

Während die Betroffenen am gestrigen Tage daran gingen, den entstandenen Schaden wieder etwas zu mindern, brach gestern Abend nach 9 Uhr aufs Neue mehrere Gewitter aus und nach 11 Uhr trat eine hier noch nie erlebte Katastrophe ein. Plötzlich, jedem unerwartet und mit rasender Schnelligkeit wälzte sich die Wassermassen daher, in das Läuten der Sturmglocken, die Signale der Feuerwehr, mischte sich das Wehgeschrei der Bedrängten, denen Hilfe zu bringen im Dunkel der Nacht und bei dem hohen Wasserstand vielfach unmöglich war.

Die Rettungsarbeiten wurden von Herrn Oberamtmann Filser unter Beihilfe von Herrn Amtmann Eisenhans, Stadtschultheiß Eisele, Feuerwehrkommandant Mebold und unter mutvollem auch die größte Gefahr nicht scheuenden Eingreifen der Feuerwehrmannschaften während der ganzen Nacht unermüdlich fortgesetzt. Diese über alles Lob erhabenen Anstrengungen konnten aber leider nicht verhindern, dass dem Hochwasser hier 11 Personen zu Opfer fielen. Fuhrmann Metz bei der roten Mühle war mit seiner Frau und 5 Kindern in der Wohnstube versammelt, er fand keinen Grund zur Flucht, da bis 11 Uhr das Wasser, wie a er selbst beobachtete, nicht besorgniserregend stieg. Er wollte um diese Zeit eben vor dem Hause einen Wagen zur Seite schaffen, als die Sturmflut hereinbrach und ihn mit fortriss. Er konnten sich jedoch an einen nahen Schopf anklammern und wurde nach 1 ½ Stunden aus seiner schrecklichen Lage lebend befreit. Wenige Minuten nachdem das Wasser erfasst und ohne dass er oder ein Nachbar es wahrnahm, rissen die Wogen sein Haus fort und seine brave Frau und 5 Kinder denen jeder Rettungsweg abgeschnitten war, fanden mit 2 Pferden den Tod in den Wellen. Die Frau wurde heute früh mit schweren Wunden in der Nähe der Stadt aufgefunden. Ein sechstes Kind entging dem sicheren Tod nur dadurch, dass es seit 2 Tagen bei seiner Großmutter weilte. Noch lähmte das Entsetzen über diesen schrecklichen Unglücksfall die Einwohner, als die weitere Trauerbotschaft kam, dass die Witwe des vorgestern ertrunkenen Walkers Wild mit 3 Kindern in ihrem an der Eyach gelegenen Häuschen ebenfalls jämmerlich ertrunken sei. Zwei Kinder derselben sind gerettet. Die Feuerwehr lenkte nun, als feststand, dass weitere Menschenleben nicht mehr in Gefahr, ihre Aufmerksamkeit den Bewohnern der oberen und der Stadtmühle zu, deren laute Hilferufe schrecklich durch die Nacht tönten. Auch diesen konnte nach langen und schweren Anstrengungen Hilfe gebracht werden, so dass eine weiteres Menschenleben nicht mehr zu beklagen ist.  Als endlich der Morgen hereindämmerte, welch trauriges, trostloses Bild der Zerstörung überall, welch Trümmerhaufen, schwer geschädigte Gebäude und Felder; da und dort findet man Leichname von Menschen und Tieren. Keine Feder vermag dies unter dem ersten Eindruck des Unglücks zu beschreiben, Niemand auch nur annähernd den überall entstanden Schaden zu bemessen, der von den Betroffenen allein unmöglich getragen werden kann. Wir werden morgen hierauf näher zurückkommen. Das Entsetzen über diese Katastrophe, das Mitleid mit den armen Opfern und ihren schwer geprüften Angehörigen beherrscht die gesamte Einwohnerschaft.

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