Kaiser Wilhelm I.

Berlin, 09.03.1888

Kaiser Wilhelm I. gestorben

Kaiser Wilhelm ist heute früh 8 Uhr 30 Min. gestorben.
 

 

Telegramm

(wiederholt aus einem heute Vormittag aufgegebenen Extrablatt)

 

Berlin, 8. März, 8 Uhr 40 Min.

Soeben verlassen sämtliche Hofchargen, Minister, Gesandte, das Palais. Ob der Kaiser verschieden, ist schwer zu erfahren. In den Nachmittagsstunden sprach Seine Majestät noch verschiedene Male, wenn auch gebrochen, mit dem Reichskanzler. Mit dem Prinzen Wilhelm redete der Kaiser über das bevorstehende Brigadeexerzieren. Seine Blicke streiften sehr oft die Kaiserin, deren Hand fast fortwährend in derjenigen des Kaisers ruhte. Nach kurzem Schlaf erwachte Seine Majestät immer wieder wie aus einem Traum; der Kronprinz hat seine Ankunft auf Montag angekündigt.

 

Berlin, 9. März. Kaiser Wilhelm ist heute früh 8 Uhr 30 Min. gestorben.

Bis zum Schluss des Blattes sind folgende weitere Depeschen eingelaufen:

 

Berlin 9. März.

Der Kaiser ist besonders am letzten Sonntag in bewegter Stimmung gewesen und sprach tränenden Auges von der Sehnsucht, den einzigen Sohn noch einmal zu sehen. Die Gefühle sind unbeschreiblich, welche den hohen Greis bewegten in Gedanken an die schweren Heimsuchungen, die das Hohenzollernhaus in letzter Zeit betrafen, unbeschreiblich wohl wird auch der Schmerz des deutschen Kronprinzen sein bei der Todesnachricht – es war ihm nicht vergönnt, den über alles geliebten Vater in seinen Armen verscheiden zu sehen, seinem letzten Blick zu begegnen. Welch schweres Schicksal für Thron und Volk! Gott schütze Deutschland!

 

Berlin, 9 März.

Die Stimmung hier ist eine gedrückte. Niemals wohl ist die Liebe zum Kaiserhaus so rührend zu Tage getreten als jetzt in diesen schweren Stunden, wo das ganze Volk, Hoch und Niedrig, sich Eins fühlte in der treusten Anhänglichkeit an den Kaiser. Die stummen Blicke, mit denen die Bevölkerung sich begegnet, sie seien unvergesslich für alle Zeit. Sie sind ein Zeugnis des deutschen Volkes, durch das es sich selbst ehrt und seine Zukunft verbürgt. 

 

 

Amtlicher Teil

 Erlass des Ministeriums des Innern an die königliche Stadtdirektion Stuttgart und an sämtliche königl. Oberämter betreffend die Landestrauer für seine Majestät den Kaiser.

Vom 9. März  1888. Nr. 2109.

 Da wegen des heute erfolgten Hingangs Seiner Majestät des Kaisers mit der im Vollmachtsnamen Seiner Majestät des Königs erteilten Genehmigung Seiner königlichen Hoheit des Prinzen Wilhelm angeordnet wird, dass bis nach erfolgter Beisetzung jede öffentliche Lustbarkeit und Musik – mit Ausnahme des Orgelspiels in den Kirchen – zu unterbleiben hat und dass in den sämtlichen Kirchen des Landes am Tage der Beisetzung Vormittags von 11 bis 12 Uhr alle Glocken mit angemessenen Unterbrechungen geläutet werden, so werden die vorbezeichneten Stellen angewiesen, sich hiernach zu achten und die ihnen nachgesetzten Behörden zu Nachachtung hievon in Kenntnis zu setzen.

Die Zeit der Beisetzung wird bekannt gemacht werden.

Stuttgart, 9. März 1888.

K. Ministerium des Innern.

Schmid

Balingen

Die Ortsvorsteher werden auf vorstehenden hohen Erlass zur Nachachtung besonders hingewiesen.

Den 10. März 1888

Königl. Oberamt

Stamer

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