„Schließt die Kirchen nicht zu, ... Foto: Volkmar Könneke
„Schließt die Kirchen nicht zu, ... Foto: Volkmar Könneke

Ulm, Donnerstag, 17. Mai 2018

„Franziskus lebt, was er lehrt“

Annette Schavan, Botschafterin beim Vatikan, erzählt zum Ende ihrer Amtszeit von Begegnungen mit dem Papst. Die CDU-Politikerin hält die Erneuerung der katholischen Kirche für unumkehrbar.

von MARTIN HOFMANN

Heiter kehre sie im Sommer aus Rom zurück. Es dauert einige Zeit, bis sich Annette Schavan warmgeredet hat. Dann wird deutlich, was sie meint. Ihre Gemütslage hat nicht nur mit Papst Franziskus zu tun, aber vor allem. Daneben will die deutsche Botschafterin am Heiligen Stuhl – so ihr offizieller Titel – bei ihrer Rückkehr in die Wahlheimat Ulm ein bisschen „Dolce Vita“, die Leichtigkeit der italienischen Lebensart, mit über die Alpen nehmen. Ins Schwärmen gerät die gebürtige Rheinländerin nicht, wenn sie über das Oberhaupt der katholischen Kirche spricht. Aber der 81-jährige Argentinier, mit dem die gebürtige Rheinländerin als Vertreterin der Bundesrepublik seit vier Jahren ständig zu tun hat, beeindruckt sie tief. Gern teilt sei ihre Vatikan-Erlebnisse mit dem Publikum im Forum der SÜDWEST PRESSE.

Was macht die Begegnungen mit dem Oberhaupt der 1,3 Milliarden Katholiken aus? „Franziskus beachtet die Konventionen nicht“, erklärt die 62-Jährige. Ganz „normal“ gebe er sich im Gespräch, das auf Italienisch geführt werde. „Ein bisschen Deutsch ist stets dabei“, sagt sie. Er trete bescheiden auf , sei zugewandt, humorvoll. „Er liebt es, unter Menschen zu sein. Das ist sein Lebenselixier.“ Deshalb habe er den Palast im Vatikan nie bezogen. Rechts vom Petersdom steht die Casa Santa Maria, das Gästehaus des Vatikan für Priester, Laien, Bischöfe. Dort wohnt er, setzt sich schon morgens zu den Besuchern des Kleinstaates und frühstückt mit ihnen.

Die Botschaft ist eindeutig, meint die Botschafterin: „Franziskus lebt, was er lehrt.“ Der Schlüssel für seine Wirkung sei: „Er warnt nicht, er ermutigt.“ Er fordere: „Wechselt die Perspektive. Vieles trägt nicht mehr wie bisher.“ Er ermahne dazu die 1,2 Millionen Priester und Ordensleute. Sein starker Appell, die Kirche diene der Welt, sie sei kein Selbstzweck. Mit dem Plädoyer für Barmherzigkeit, sich um die Armen, Ausgeschlossenen, Schutzlosen und Minderheiten zu kümmern, erreiche er aber auch Präsidenten, Regierungschefs, Wirtschaftsbosse, ja alle Menschen. Deshalb suchten die Mächtigen auf dem Globus Franziskus als Ratgeber und Mediator auf wie selten einen Papst zuvor.

Was sagt er den Wohlstandschristen? „Werdet sensibel für die Peripherie“, antwortet Schavan und meint die Ränder der Gesellschaft. Konkretes Beispiel: Franziskus habe sich 2015 gefreut, dass Deutschland sich gegenüber syrischen Flüchtlingen anders verhalten hat als die meisten anderen Länder. Da hat er die Botschafterin anrufen lassen, um ihr dies persönlich mitzuteilen. Natürlich sehe er auch die Schwierigkeiten, die sich aus solchen Situationen ergeben, verweise auf daraus resultierende Sicherheitsprobleme oder die Fluchtursachen, die es zu bekämpfen gelte. Durchaus habe er auch Verständnis, dass sich eine Gesellschaft durch starken Zuzug überfordern könne. Nur formuliere er auch ganz klar: Die Wohlhabenden dürften sich nicht unterfordern, der Schutz für Menschen in existenzieller Not sei nicht verhandelbar.

Und die Erneuerung der Kirche? Die katholische Theologin teilt die Ansicht vieler Kritiker nicht, Franziskus habe zu wenig bewirkt. Seine Erneuerung beruhe auf einem Prozess, betont sie. Er führe ihn an mit Geduld und Demut. Ausschließen wolle er niemanden. Katholisch bedeute für ihn nicht, dass es auf jede Frage nur eine Antwort gebe. Da seien die Verhältnisse, die Traditionen in den Diözesen in Asien, Latein-, Nordamerika, Europa und Afrika zu unterschiedlich. In vielen Ländern Asiens entdeckten die Menschen das Christentum. Die Kirchen in Südkorea oder China hätten starken Zulauf. Am Amazonas stritten Bischöfe über die Frage, ob bewährte verheiratete Männer zu Priestern geweiht werden könnten. Ein sofortiges Nein des Vatikan, nimmt ihnen die eigene Entscheidung nicht ab.

Die deutschen Bischöfe hat Franziskus ermutigt, in der Ökumene voranzugehen. Den Streit darüber, ob der Kern des katholischen Glaubens angetastet werde, wenn ein protestantischer Ehepartner in einer katholischen Kirche die Kommunion erhalte, beschied er nicht mit einem Machtwort. Er trug den Bischöfen auf, sich in dieser Frage zu einigen.

Das Stärken der einzelnen Kirchen und Bischofskonferenzen bedeutet aber kein Verlust an päpstlicher Autorität. Die zeige Franziskus durchaus, wenn er etwa in Interviews von wichtigen Amtsträgern in theologischen Fragen belehrt werde. Da ziehe er rasch einen Schlussstrich. Jüngstes Beispiel: Kardinal Gerhard Ludwig Müller, Präfekt der Glaubenskongregation. Seine Amtszeit hat Franziskus nicht verlängert. Er teilte ihm diese Entscheidung in wenigen Worten mit, was ihn ärgerte. Annette Schavan, ganz Diplomatin, nennt den Namen natürlich nicht.

Weniger verbindlich äußert sich die CDU-Politikerin zu ihrer deutschen Kirche. Ganz im Sinne des Oberhaupts in Rom ermuntert sie dazu, die „Kirchen nicht abzuschließen“, sondern zu öffnen, die Gemeinden „nicht zu verwalten“, sondern zu beleben. Ob Frauen künftig eine wichtigere Rolle spielten, hält sie unter Franziskus‘ Pontifikat für keineswegs ausgeschlossen. Dass Äbtissinnen eines Klosters bei zunehmendem Priestermangel warten müssten, um eine Messe abzuhalten, hält die CDU-Politikerin wirklich nicht mehr für zeitgemäß.

Überwunden hat Schavan ihren persönlichen Rückschlag nach Aberkennung ihres Doktortitels. Sie habe beschlossen, sich nicht mehr damit zu beschäftigen. Sie bleibt bei ihrem Kernsatz: „Ich habe niemanden getäuscht in meinem Leben.“ Die Zeit in Rom nennt sie eine „gute“, man solle den Platz aber „räumen, wenn dies noch bedauert wird“.

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