Tatort Hamburg-Wandsbek: Ein Mann hatte Passanten und Polizisten mit einem Messer bedroht und wurde niedergeschossen. Foto: Daniel Bockwoldt/dpa
Tatort Hamburg-Wandsbek: Ein Mann hatte Passanten und Polizisten mit einem Messer bedroht und wurde niedergeschossen. Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

Berlin, Donnerstag, 14. Juni 2018

Messer machen Männer

Die Zahl der Angriffe mit Stichwaffen steigt. Studien sehen einen Zusammenhang mit kulturell bedingten, maskulinen Vorstellungen.

von STEFAN KEGEL UND CAROLINE HOLOWIECKI

Das „Messer des Monats“ besticht durch eine satinierte Klinge aus Hochleistungsstahl, Titan-Griffschalen und einen Framelock-Verschluss. Monika Grüner bewirbt es im Fenster und auf der Theke. Seit den 80ern leitet sie den Messerladen ihres Urgroßvaters in der Geislinger Altstadt. Früher gab es bei „August Fehrenbach“ Eisenwaren. Heute macht Grüner ihr Geld fast ausschließlich mit Waffen. Neben Pistolen und Gewehren sind das allerlei Messer – vorausgesetzt, sie seien in Deutschland frei verkäuflich, betont die 54-Jährige.

Messerangriffe wie die Bluttat von Viersen lassen Monika Grüner nicht kalt. In der niederrheinischen Stadt ist am Montag eine 15-Jährige erstochen worden. Ähnliche Vorfälle zeigen: Messer sind häufiger Tatwerkzeuge. In Berlin stieg die Zahl seit 2014 um 13 Prozent, in Hessen um 29 Prozent. In Baden-Württemberg wuchs sie binnen fünf Jahren um rund 16 Prozent – von 5255 auf 6231. Gezählt werden allerdings nicht nur Stiche; auch ein Messer, das beim Täter gefunden wird oder mit dem er droht, taucht in der Statistik auf.

Die AfD diagnostiziert bereits eine „Messerepidemie“. Dabei ist dieser Trend in anderen Bundesländern nicht so eindeutig. In Schleswig-Holstein zum Beispiel gehen die Zahlen zurück. Und wieder andere Länder, darunter Hamburg, Bayern und das Saarland, erfassen Messerangriffe gar nicht separat. Um dem Phänomen auf den Grund zu gehen, haben die Innenminister der Länder beschlossen, eine gemeinsame Zählung zu beginnen. „Eine einheitliche Erfassungspraxis ist letztlich die Grundlage, um zielgenau kriminalpolitische Entscheidungen auf Bundesebene treffen zu können“, sagt Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU), der das Vorhaben auf den Weg gebracht hat.

Die Gewerkschaft der Polizei fordert ein härteres Durchgreifen. „Ich erwarte von Richtern und Staatsanwälten, dass sie eine solche Straftat als versuchte Tötung werten“, verlangt deren Chef Oliver Malchow. Bislang zählt ein Messerangriff meist als schwere Körperverletzung. Was Malchow Sorgen bereitet, ist der hohe Anteil von Migranten unter den Tätern. In manchen Bundesländern, zum Beispiel Brandenburg, sind es mehr als 40 Prozent. Allerdings findet eine Vielzahl dieser Taten untereinander statt.

Eine Studie der Universität Bielefeld ist dieser Häufung nachgegangen. Demnach haben ausländische Jugendliche, vor allem in sozialen Brennpunkten, ein Messer als Zeichen der Stärke bei sich, nicht in erster Linie, um es auch einzusetzen. Das bestätigt Malchow. „Messer sind in manchen Kulturkreisen ein Zeichen von Männlichkeit.“ Umso wichtiger findet er es, dass hier Aufklärungsprogramme ansetzen. „Ein mitgeführtes Messer kann in einer aufgeheizten Situation dazu führen, dass es auch eingesetzt wird.“ Am besten sei es, Waffen in der Öffentlichkeit erst gar nicht zu tragen.

Bereits seit einigen Jahren sind bestimmte Messer in Deutschland verboten: Butterfly-Messer mit schwenkbaren Griffen oder solche mit einer feststehenden Klinge, die länger als zwölf Zentimeter ist. Ausnahmen gibt es für Jäger, Angler oder Pfadfinder. Ob der Käufer dazugehört, prüft Waffenhändlerin Grüner allerdings nicht. Wie auch? Ein Rest Unsicherheit bleibt daher immer. „Bei eine Machete mit 30 Zentimeter Klinge weiß ich nicht, nimmt der Käufer sie, um Brennnesseln wegzumachen, oder springt er seiner Frau hinterher?“, sagt sie.

Mehrere Bundesländer haben in gefährlichen Gegenden Waffenverbotszonen eingerichtet. Ob das ein Modell für ganz Deutschland sein kann – wie Hessen das fordert –, ist unklar. „Es gibt rechtliche Bedenken“, wendet NRW-Innenminister Herbert Reul ein. Und in Schulen könnten die Schulleiter bereits heute Waffenverbote verhängen.

Bei Kindern sei sie hart, sagt auch die Geislinger Waffenhändlerin. Obwohl an viele ihrer Waren kein Alterslimit gekoppelt ist, verkaufe sie erst ab 14, und auch nur Schweizer Offiziersmesser. Dass diese später auf dem Schulhof auftauchen könnten, leugnet sie nicht. Die Verantwortung weist sie aber von sich, zumal viele Buben schon zur Kommunion ein Messer bekämen. Für den Ruf nach mehr Einschränkungen ist Grüner nicht empfänglich. „Auch ein Küchenmesser von WMF“ könne gefährlich sein.

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