Schillernde Gestalt: Der Dichter Stefan George. Foto: -
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Der Dichter als Prophet des Schönen

Zum 150. Geburtstag von Stefan George würdigt eine neue Biografie den Verfechter der reinen Poesie.

von WELF GROMBACHER

Der vor 150 Jahren, am 12. Juli 1868, in Büdesheim bei Bingen als Sohn eines Weinbauern geborene Stefan George ist neben Rainer Maria Rilke und Hugo von Hofmannsthal nicht nur einer der größten deutschsprachigen Dichter der Jahrhundertwende. Er ist auch eine der schillerndsten Gestalten der Literaturgeschichte.

Schon auf der Realschule nennen Mitschüler ihn den „Sternengucker“. Er gibt die Schülerzeitung heraus und dort den Ton an. Schon da träumt er von einer eigenen Kunstsprache, will einen Jugendbund der Dichter gründen und verschickt als besondere Auszeichnung schon mal eine Porträtpostkarte von sich selbst. In Paris übersetzt er Baudelaires „Les Fleurs du Mal“ und wird 1889 bei den Dienstagabenden Stéphane Mallarmés als „junger Goethe“ eingeführt.

Der reinen Poesie widmet er von nun an sein Leben. „Wo Kunst ist, kann kein Leben sein“, lautet sein Motto. George propagiert „eine kunst frei von jedem dienst: über dem leben, nachdem sie das leben durchdrungen hat: die zur höchsten aufgabe des lebens werden kann.“ Bei aller Selbststilisierung verweigert er sich einer breiten Öffentlichkeit, schart stattdessen einen Kreis von auserwählten Jünglingen um sich, die ihm Gedichte vorlesen, ihn bekochen dürfen und auf Reisen begleiten. Seine ersten drei Gedichtbände „Hymnen“ (1890), „Pilgerfahrten“ (1891), „Albagal“ (1892) bringt er als Privatdrucke heraus. Für die große, breite Masse hat er – ähnlich wie Nietzsche – nur Verachtung übrig.

Wenn einer seiner Jünger gegen seinen Willen heiratet, wie Friedrich Gundolf, verstößt er ihn ohne Gnade. Frauen sind unerwünscht. Karl Wolfskehl richtet George in seiner Münchner Wohnung extra ein Zimmer für Lesungen ein, bei denen alle sich in Talare hüllen. George versteht sich als Dichter mit Mission, als Prophet des Schönen, predigt „Das Neue Reich“ (1928). Der Soziologe Max Weber stört sich an diesem „Pathos der Erlösung“ und nennt George ironisch nur den „Weihen-Stefan“.

Wenn er auf der Straße einen Jungen sieht, wie den 13-jährigen Maximilian Kronberger, den er in seinen Versen zum göttlichen Maximin verklärt, fragt George, ob er ihn fotografieren lassen darf. Nicht nur seiner homophilen, mitunter pädophilen autoerotischen Projektionen wegen war George nach dem Zweiten Weltkrieg lange verpönt. Sondern auch, weil er sich nicht von den antisemitischen Äußerungen seines Kreises distanzierte und die Nazis seine Gedichte instrumentalisierten. George selbst empfand die Machtergreifung als „ein bisschen karnevalesk“. 1933 stirbt er in Minusio am Gardasee.

Zum Jubiläum erscheint jetzt Jürgen Egyptiens Biografie „Stefan George. Dichter und Prophet“, die all denen empfohlen sei, die einen unverstellten Blick auf den Schriftsteller wagen wollen. Der Literaturwissenschaftler gibt einen sehr profunden Überblick über das Leben des Dichters und seines Kreises. Welf Grombacher

Info Jürgen Egyptien: Stefan George. Theiss Verlag, 472 Seiten, 29.95 Euro

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