Der knallharte Spaßmacher: Ryanair-Chef Michael O'Leary präsentiert sich gerne selbst - hier am Flughafen Leipzig/Halle. Foto: Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa
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Der knallharte Spaßmacher: Ryanair-Chef Michael O'Leary präsentiert sich gerne selbst - hier am Flughafen Leipzig/Halle. Foto: Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa
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Dublin, Samstag, 11. August 2018

Billig und abgehoben

Alle müssen zahlen: Die Fluggäste für Extras, das Personal für die Uniform. Dazu ist das Gehalt niedrig. Nun begehren Ryanair-Piloten gegen das Sparmodell ihres Chefs auf.

von DOROTHEE TOREBKO UND DIETER KELLER

Ihr Deutsche würdet nackt über Glas kriechen, um billig fliegen zu können.“ Oder: „Wir machen keine Erstattungen für ungenutzte Tickets, also verpisst euch.“ Diese Sätze stammen vom Chef des größten europäischen Billigfliegers, von Ryanair-Boss Michael O'Leary. Das Enfant terrible der Flugbranche ist bekannt für seine respektlosen Sprüche und ein brutales Einsparmodell, mit dem er die Fluglinie zum Milliarden-Konzern machte.

Doch nun muss die Gesellschaft eine der größten Krisen ihrer Geschichte überstehen. Denn die Piloten haben die Nase voll. Von den schlechten Arbeitsbedingungen. Vom geringen Gehalt. Von den miserablen Arbeitszeiten. Deshalb traten sie für 24 Stunden in den Ausstand. Es ist der größte Unternehmensstreik in der Geschichte der Fluglinie. Und den hat sich Ryanair selbst zuzuschreiben, sagen die Gewerkschaften.

Von den 14 500 Mitarbeitern ist ein erheblicher Teil bei Zeitarbeitsfirmen beschäftigt. Ryanair bildet keine Piloten aus. Sie müssen ihre Ausbildung selbst zahlen – 60 000 Euro und mehr. Auch das Einstiegsgehalt lässt zu wünschen übrig: Es lag laut der Gewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) lange unter 30 000 Euro brutto im Jahr. Seit Anfang des Jahres sind es 39 000 Euro. Maximal können sie auf 110 000 Euro kommen. Bei der Lufthansa ist es doppelt so viel.

Doch um eine Erhöhung geht es den Gewerkschaften nicht nur, sondern um eine Reform der Gehaltsstruktur. Piloten bekommen ihren Lohn leistungsabhängig. Das heißt, wenn sie krank sind oder saisonbedingt weniger arbeiten, bekommen sie weniger. Deshalb fordern die Gewerkschaften mehr Festgehalt und eine weniger variable Vergütung. Außerdem wollen sie einen Manteltarifvertrag, in dem Dienstzeiten festgeschrieben sind.

O'Leary blockierte jahrelang Verhandlungen. Für ihn waren Gewerkschaften ein rotes Tuch. Eher friere die Hölle zu, als dass es bei Ryanair Gewerkschaften gäbe, sagte er einst. Im Dezember war es dann aber doch soweit: Der 57-Jährige musste einlenken. Mitten im Weihnachtsgeschäft drohten die Arbeitnehmer mit Streiks. Zudem musste er im Herbst massiv Flüge streichen, weil Personal fehlte. Die Folge: Die Piloten bekamen 20 Prozent mehr Gehalt.

Doch mehr will der Ire den Gewerkschaften nicht zugestehen. Nach außen hin wirkt er gelassen. Vor zwei Wochen sagte er unverhohlen, dass er die ganze Aufregung um die Streiks nicht verstehe. Bis zum Winter sei Konkurrent Norwegian Airlines pleite. Dann könnte Ryanair die Piloten der Norweger übernehmen. „Solche Sprüche bringt nur O'Leary zustande. Nur, wer sich für den Größten hält, kann so etwas sagen“, urteilt Uwe Hien von der Unabhängigen Flugbegleiter Organisation Ufo.

Der Branchenkenner hält den Iren für einen Marketing-Profi, der Aufmerksamkeit sucht. Zum Beispiel, indem er Passagiere als dumm bezeichnet und ihnen droht, sie müssten bei fehlendem Ticket-Ausdruck 60 Euro zahlen. Oder indem er provokant wirbt: 2003 zog O'Leary mit einem Panzer aus dem Zweiten Weltkrieg vor den Hauptsitz des Konkurrenten Easyjet und verkündete, er wolle „das Volk vor Easyjets hohen Preisen befreien“.

Mit dieser Masche und einem Sparmodell sondergleichen hat der 57-Jährige das Unternehmen vom Pleitekandidaten zur fünftgrößten Fluglinie der Welt gemacht. 1985 wurde Ryanair von Tony Ryan, mit dessen Kindern O'Leary sich anfreundete, gegründet. Vier Jahre später lag die Fluggesellschaft am Boden. Es drohte die Insolvenz. Die konnte Tony Ryan mittels staatlicher Hilfen zunächst abwenden. Doch es war O'Leary, der das Unternehmen auf Kurs brachte.

Er importierte aus den USA das Billigflieger-Modell und perfektionierte es. Dazu gehört, dass Ryanair abgelegene Flughäfen ansteuert und Kunden für Getränke und Gepäck zahlen lässt. Auch die Mitarbeiter müssen für ihre Uniformen und Verpflegung an Bord in die Tasche greifen. Zudem werden die Flugbegleiter besser bezahlt, wenn sie viele Artikel an Bord verkaufen. O'Leary kam sogar auf die Idee, Geld für Toilettengänge zu verlangen und Stehplätze einzuführen.

Bisher ist es nicht dazu gekommen. Doch das Unternehmen gerät zunehmend unter Druck. Auch durch andere Fluglinien, die ihr Angebot ausweiten.

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