Ein Junge soll zwischen 2002 und 2003 sexuell missbraucht worden sein.   Foto: dpa
Ein Junge soll zwischen 2002 und 2003 sexuell missbraucht worden sein. Foto: dpa

Ulm, Donnerstag, 11. Oktober 2018

Den eigenen Sohn missbraucht

Sex mit dem eigenen Kind? Dass eine Mutter dazu fähig ist, hat der Staufener Fall gezeigt. Auch eine Frau aus Aalen soll ihren Jungen misshandelt haben und steht deshalb jetzt vor Gericht.

von LSW

Vor dem Amtsgericht Aalen wird heute der Prozess gegen eine 42-Jährige fortgesetzt, die ihren Sohn im Kindes- sowie im Kleinkindesalter sexuell missbraucht haben soll. Je nach Verlauf der Verhandlung könnte nach Einschätzung von Amtsgerichtsdirektor Martin Reuff möglicherweise noch am selben Tag das Urteil verkündet werden.

Die Frau aus Aalen (Ostalbkreis) hat laut Staatsanwaltschaft ihren Sohn, der inzwischen 18 Jahre alt ist, in einem nicht näher bestimmten Zeitraum zwischen 2002 und 2003 sexuell missbraucht. Dabei soll sie das Kind unter anderem dazu gebracht haben, sie im Intimbereich zu berühren. Zudem wird ihr vorgeworfen, mit dem Sohn Verkehr gehabt zu haben, als dieser zwölf Jahre alt war. Die Beschuldigte hat zum Auftakt des Prozesses am 27. September von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch gemacht und die Vorwürfe durch ihren Anwalt zurückweisen lassen. Ihr Sohn wurde in der Verhandlung unter Ausschluss der Öffentlichkeit und im Beisein eines Psychologen befragt.

Die Möglichkeit eines sexuellen Missbrauchs von Kindern durch die eigene Mutter sollte nach Ansicht des Ulmer Kinderschutz-Experten Professor Jörg Fegert von Behörden und Hilfseinrichtungen generell stärker in Betracht gezogen werden. „Missbrauchsfälle durch Mütter sind zwar relativ selten, dennoch dürfen sie nicht ignoriert werden“, sagte der Ärztliche Direktor der Ulmer Uniklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Fegert stützt sich auf Studien, wonach Kindesmissbrauch innerhalb von Familien zwar überwiegend von Vätern begangen wird, aber auch Mütter sich „in relevantem Umfang“ an Kindern vergehen. Der Abschlussbericht der Beauftragten zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs, Christine Bergmann, aus dem Jahr 2011 mit rund 6000 befragten Opfern wies zwar als Täter Väter mit fast 60 Prozent aus – aber gleich danach folgten Mütter mit fast 11 Prozent.

Daran habe sich nach seiner Erfahrung seitdem kaum etwas geändert, sagte Fegert. In der Gesellschaft ebenso wie bei Kinder- und Jugendämtern, der Polizei und der Justiz sei eine „friendly mother illusion“ weit verbreitet – so bezeichnen Experten die Annahme, dass Müttern nichts Schlimmes zuzutrauen sei. Zuletzt habe sich das im Staufener Missbrauchsfall gezeigt.

Ein Paar aus dem badischen Staufen hatte einen heute Zehnjährigen mehr als zwei Jahre lang vielfach vergewaltigt und zur Prostitution gezwungen. Die Mutter wurde im August zu zwölfeinhalb Jahren Haft, ihr Lebensgefährte zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Die Opferorganisation Weißer Ring forderte nach dem Prozess vor dem Landgericht Freiburg eine bessere Ausbildung und Schulung von Behördenmitarbeitern. Sie müssten rascher als bisher in der Lage sein, Kindesmissbrauch in der Familie, auch durch Mütter, frühzeitig zu erkennen und dagegen vorzugehen.

Fegert unterstützt die Forderung: „Man muss auch darauf immer einen Blick haben, sonst verpasst man im Kinderschutz ein wichtiges Thema.“ Missbrauch durch Mütter sei schwieriger zu erkennen und nachzuweisen. „Für Betroffene ist es noch viel schwerer, sich zu äußern – auch weil sie auf eine gewisse Ungläubigkeit stoßen“, sagte der Professor. „Wenn heute jemand vom Missbrauch durch den Vater berichtet, hält man das für möglich, und es wird ernst genommen. Bei Missbrauchshandlungen durch die Mutter gibt es eine viel höhere Schamschwelle.“

Die Grenzen seien zudem oft fließend: „Missbrauchshandlungen sind zum Teil in Pflegehandlungen eingebunden, wie das Eincremen und dabei das Stimulieren des Penis. Für Betroffene mit mangelndem Wissen über die sich entwickelnde Sexualität eines Kindes ist die Zuordnung, was normal ist und was Grenzen überschreitet, gar nicht so leicht.“

Fegert gehört zu den Initiatoren der bundesweiten „Medizinischen Kinderschutzhotline“, bei der sich Mediziner bei Verdachtsfällen mit Experten beraten können. Thomas Burmeister

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