Interaktive Karte: Der Zollernalbkreis 2035

Der demografische Wandel verändert die Bevölkerungsstruktur im ganzen Land. Doch was bedeutet er konkret für die Gemeinden im Kreis? Unsere interaktive Karte zeigt es.

 

 

 

Einwohnerzahl dank Zuzügen stabil

Sieben wachsende Kreisgemeinden fangen die Verluste von 18 schrumpfenden Gemeinden auf

Der demografische Wandel trifft die Gemeinden im Zollernalbkreis alle – und hat doch ganz unterschiedliche Auswirkungen. Trotz geringer Geburtenzahlen wächst der Kreis sogar leicht – Zuzügen sei Dank. 


von Benno Schlagenhauf

Knapp 190.000 Menschen lebten 2015 im Zollernalbkreis und knapp 190.000 werden dies auch noch in 20 Jahren tun – so verspricht es zumindest die Vorausrechnung des Statistischen Landesamts. Um genau zu sein sollen zur heutigen Bevölkerungszahl von etwa 187.000, noch rund 1500 Einwohner hinzukommen – in Prozent ein Plus von etwa 0,8. Diese stabilen Bevölkerungszahlen sind vor allem den Zuzügen, der Zuwanderung und der Flüchtlingsunterbringung – das Statistische Landesamt fasst sie unter dem Begriff Wanderungen zusammen – zu verdanken. Ohne sie stünde ein dickes Minus von rund 7,8 Prozent – in absoluten Zahlen knapp 15.000 Einwohner weniger.

2035 ist jeder Dritte im Zollernalbkreis über 60 Jahre alt

Die Zahl der Gesamtbevölkerung im Kreis bleibt zwar weitestgehend stabil, doch die Veränderungen in der Altersstruktur sind gravierend. Während 2015 die Menschen zwischen 40 und 65 Jahren die größte Bevölkerungsgruppe ausmachen (30,7%), sind es 2035 die 60- bis 85-Jährigen (30,9%). Zusammen mit den über 85-Jährigen (3,9%) werden sie schon ein Drittel der Gesamtbevölkerung ausmachen. Zum Vergleich: 2015 machen diese beiden Gruppen (40-60: 24,9%; Ü85: 2,9%) lediglich noch rund ein Viertel der Bevölkerung aus.


 

 

Nachbarkreise: Sigmaringen, Rottweil und Freudenstadt mit leichten Verlusten

Mit seinem kleinen Wachstum liegt der Zollernalbkreis im landesweiten Trend, auch wenn Baden-Württemberg insgesamt etwas mehr zulegt, nämlich etwa 2,7 Prozent. Bei den Nachbarkreisen gibt es ebenfalls keine großen Ausrutscher nach oben oder unten: Tübingen (+3,4%), Reutlingen (+1,1%), und Tuttlingen (+3%) legen etwas mehr zu; Sigmaringen (–0,7%), Rottweil (–2,4%) und Freudenstadt (–3,0%) verlieren dagegen etwas.

Nun ist es aber mitnichten so, dass sich der kleine Zuwachs im Kreis gleichmäßig auf alle Gemeinden verteilt. Die große Mehrzahl der Gemeinden schrumpft nämlich – teilweise sehr deutlich mit Verlusten von über 10 Prozent. Insgesamt werden dabei die Defizite von 18 schrumpfenden Gemeinden von lediglich sieben wachsenden Gemeinden aufgefangen. Die Faustformel „Städte wachsen, Dörfer schrumpfen“ stimmt dabei nur bedingt und die größten Gewinner sind nicht automatisch die größten Städte im Kreis. Stattdessen fällt auf: Die wachsenden Gemeinden liegen fast alle an der Bundesstraße B27. 

Hechingen kann Große Kreisstadt werden

Albstadt beispielsweise, 2015 mit rund 44.000 Einwohnern größte Stadt im Kreis, wird laut den Vorausrechnungen der Statistiker in den nächsten 20 Jahren sogar um etwa 500 Einwohner (–1,5%) schrumpfen. Balingen wächst dagegen leicht um etwa 1,1 Prozent; Hechingen sogar deutlich um etwa 4,7 Prozent. Damit knackt die Zollerstadt, in der heute rund 19.100 Menschen leben, in absehbarer Zeit die 20.000-Einwohner-Marke und kann somit den Antrag stellen, Große Kreisstadt zu werden. Wenn die Berechnungen des Statistischen Landesamtes stimmen, müsste es im Jahr 2020 soweit sein.

Die Vorausrechnung bestätige den positiven Trend, den die Hechinger Rathausverantwortlichen an der Nachfrage nach Bauplätzen festgestellt haben. Für den Tag X, wenn Hechingen die magische 20.000er-Marke überschreitet ist man vorbereitet: „Uns liegt bereits eine am Beispiel der Stadt Hechingen erstellte Diplomarbeit zu allen (rechtlichen) Facetten dieses Themas vor, wir wissen also, was in diesem Fall zu tun sein wird“, lässt Bürgermeisterin Dorothea Bachmann über ihre Pressestelle mitteilen. Wenn es soweit ist, beabsichtige Hechingen die Möglichkeit, den Antrag stellen zu dürfen, auch zu nutzen.

Ratshausen legt überraschend 14 Prozent zu

Den prozentual stärksten Zuwachs gibt es allerdings in Gemeinden, bei denen man es zunächst nicht unbedingt erwartet. Das dickste Plus, nämlich über 24 Prozent Zuwachs, steht vor Meßstetten. Dieses Ergebnis wird jedoch durch die Wanderungszahlen der Landeserstaufnahmestelle verfälscht. „Die reale Bevölkerungsentwicklung wird sicherlich wesentlich weniger dynamisch ausfallen“, erklärt eine Sprecherin des Statistischen Landesamtes.

Hinter dem LEA-verfälschtem Spitzenergebnis Meßstettens folgen Ratshausen mit einem Zuwachs von knapp 14 Prozent und Grosselfingen mit etwa 7,8 Prozent. Besonders interessant ist das Ratshausener Ergebnis deshalb, weil es nicht wie die anderen wachsenden Gemeinden unmittelbar an der B27 liegt, und weil die Einwohnerzahl der direkten Nachbargemeinde Hausen am Tann in den nächsten 20 Jahren dagegen fast unverändert bleibt.

Ratshausens Bürgermeister Heiko Lebherz ist von den Ergebnissen insofern überrascht, dass sie sich komplett von dem unterscheiden, was Regierungspräsidium und Regionalplan für die Schlichemtalgemeinde vorgesehen haben: „Es kommen sehr viele Leute auf uns zu, die nach Ratshausen ziehen wollen, denen wir aber absagen müssen, weil wir keinen Platz haben.“ Dies liege zum einen daran, dass Ratshausen (und auch Hausen) für kleine Gemeinden ganz untypisch kaum leerstehende Gebäude im Ortskern haben, zum anderen an den restriktiven Beschränkungen der übergeordneten Behörden.

„Für das Ratshausener Neubaugebiet hatten wir 30 Bauplätze geplant, vom Regierungspräsidium wurden aber nur zwölf Stück genehmigt, obwohl zu dem Zeitpunkt bereits sechs Anmeldungen da waren“, klagt Lebherz. „Das Regierungspräsidium sagt, dass Ratshausen langfristig schrumpfen werde, aber unsere Erfahrungen sagen etwas anderes. Die Vorausrechnungen des Statistischen Landesamts zeigen mir, dass unsere Erfahrungen stimmen“, sagt Lebherz, der gegen die Einschränkungen des RPs bereits Widerspruch eingelegt hat. Die Attraktivität von Ratshausen erklärt sich der Bürgermeister vor allem über das rege Vereinsleben: „Wir haben keine Stadthalle. Bei uns läuft die Identifikation zum Ort über die Vereine.“ Außerdem werde um jeden Preis darum gekämpft, die Infrastruktur zu erhalten. Als Beispiel nennt Lebherz den jüngst eröffneten Dorfladen im Rathaus.

Jungingen ist größter Verlierer: – 10 Prozent

Doch wo es Gewinner gibt, da gibt es auch Verlierer. Die größten Einwohnerverluste im Zollernalbkreis haben die Gemeinden Straßberg (–9,0%), Nusplingen (–9,8%) und Jungingen (–10,6%) zu tragen. Nusplingen nimmt dabei noch eine Sonderrolle ein, denn im Gegensatz zu vielen anderen Kreisgemeinden, bei denen der Einwohnerverlust durch die Bevölkerungswanderungen gebremst, oder gar in Plus geändert werden kann, steht Nusplingen in der hypothetischen Modellrechnung ohne Wanderungen sogar besser da. Das heißt: zusätzlich zum natürlichen Bevölkerungsschwund durch den demografischen Wandel verliert Nusplingen auch deswegen Einwohner, weil mehr Leute fortziehen als es Zuzüge gibt.

Jungingens Bürgermeister Harry Frick sieht dem Bevölkerungsverlust seiner Gemeinde recht pragmatisch entgegen: „Das ist eben der allgemeine Trend, die einen trifft es stärker, die anderen weniger stark.“ Auch wenn die Gemeinde, in der heute rund 1350 Menschen leben, bis 2035 etwa 150 Einwohner verlieren werde, hätte man noch immer mehr Einwohner als in den 60er- und 70er-Jahren. Damit die Gemeinde attraktiv bleibt, werden leerstehende Gebäude im Ortskern saniert, oder abgerissen und neu gebaut sowie neue Baugebiete erschlossen, um Wohnraum zu schaffen. „Außerdem kann die Infrastruktur – Bahnanschluss, Einkaufsmöglichkeiten, ärztliche Versorgung – gehalten werden“, erklärt Frick: „Die Lebensqualität sinkt ja nicht mit der Einwohnerzahl.“

 

So arbeiten die Statistiker

Für den obigen Artikel und für die Diagramme stützen wir uns auf die Vorausrechnungen des Statistischen Landesamtes. Doch wie werden diese Daten ermittelt? Und wie zuverlässig sind die Vorhersagen?

Beim Statistischen Landesamt werden in regelmäßigen Abständen neue, aktualisierte Berechnungen zur Bevölkerungsentwicklung erhoben. Die aktuelle Bevölkerungsvorausrechnung nimmt das Jahr 2014 zur Basis. In der Vorausrechnung wird die relative Entwicklung innerhalb des Landes, gestützt auf einen zurückliegenden Zeitraum von mehreren Jahren, auf die Zukunft fortgeschrieben.

In die Berechnung fließen zahlreiche Faktoren darunter die Zu- und Abwanderung, Geburtenrate und Lebenserwartung sowie regionale Faktoren wie der Anteil der Einfamilienhäuser am Wohnungsbestand, das Arbeitsplatzangebot in der Gemeinde und im Umfeld und die Platzdichte in Senioreneinrichtungen. Da insbesondere die Bevölkerungswanderungen im Zeitablauf deutlich – in der kleinräumigen Betrachtung sogar umso mehr – schwanken, wird in den Vorausrechnungen, die auf Landesebene bis 2060 reichen, auf regionaler Ebene auf die ganz langfristige Perspektive verzichtet. Die aktuelle Vorausrechnung reicht bis 2035.

Vor allem die starke Zuwanderung von Flüchtlingen seit Mitte 2015 stellt die Statistiker vor erschwerte Rahmenbedingungen bei der Vorausberechnung der Bevölkerungsentwicklung. So erkläre sich auch das massive Bevölkerungswachstum von 24 Prozent in Meßstetten, dessen Ergebnis durch die hohen Wanderungszahlen der Landeserstaufnahmestelle verfälscht werden. Die Statistiker bauen bei ihren Einschätzungen zum langfristigen Einfluss der Flüchtlingszahlen auf die Gesamtbevölkerung auf die Erfahrungen aus dem Jugoslawienkrieg, nach dessen Befriedung ein großer Teil der Flüchtlinge zurück in ihre Heimat gekehrt war.

Trotz ausgefeilter Methodik basiere eine Vorausrechnung auf mehreren unsicheren Annahmen und unvollständiger Information über die konkreten Verhältnisse vor Ort. „Die Vorausrechnung ist daher keine Vorhersage einer Entwicklung, die genauso eintreffen wird, sondern sie gibt lediglich Anhaltspunkte dafür, wie eine wahrscheinliche Entwicklungsrichtung aussehen könnte“, erklärt eine Sprecherin des Statistischen Landesamtes.

Die Bevölkerungsvorausrechnung habe insofern nicht den Anspruch vorherzusagen, was geschehen wird, sondern will mögliche Entwicklungen aufzeigen und mit der Bereitstellung von Daten eine Hilfestellung für regionalpolitisches Handeln leisten.